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Kronprinz Maximilians Hochzeit

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 241)

Ludwig Steub schrieb in der Augsburger „Allgemeinen Zeitung" im Oktober 1842 folgenden „Festbericht", der später in seine „Kleineren Schriften" überging:

Bei uns ist alles voller Freuden — die fröhlichste Aufregung geht durch alle Gaffen der Stadt, von einem Ende des Weichbildes bis zum andern, vom Erdgeschoß bis ins Dachstübchen. Der Neigen unserer Feste ist eröffnet seit dem Tage, als die junge Kronprinzessin ihre neue Heimat in unserer Königsburg betrat. Daß die liebliche Braut, die Prinzessin Maria von Preußen, mit herzlichem Willkomm werde ausgenommen werden, war vorauszusehen, aber die jubelnde Aufgeregtheit bei ihrem Empfange war am Ende doch noch überraschend. Es war in der Tat ein schöner Tag, als selbst die kolossale Ludwigstraße zu eng wurde für die Tausende, welche im Sonnenschein auf und ab wogten, die von Freude und Spannung durcheinander drängten in der festlich geschmückten Straße, aus deren Fenstern ungeheure Banner siaggten. An ihrem Anfang, wo das Gebiet der Stadt beginnt, war dagegen ein grüner Triumphbogen erbaut, auf welchem der Willkomm zu lesen, den die Harrenden der Erwarteten, längst Ersehnten mit Herz und Mund entgegentrugen. Alle die Freudenbezeigungen der Städte, der Märkte und Dörfer an der Straße — noch im letzten Ort, zu Schwabing, standen die Landleute mit einem sinnigen Gruß bereit — alle diese Huldigungen hatten die Ankunft etwas über die angesagte Stunde verzögert; endlich aber ging ein froher Ruf durch die Menge, welcher deutlich kundgab, daß der rechte Augenblick gekommen sei. Äber dem bunten Gewimmel sah man die Helme der Kürassiere funkeln, die dem Zuge voranritten. Die Gasse öffnete sich, die Reiter zogen vorüber, der Wagen nahte, ein tausendfaches Willkomm stieg donnernd auf, und im offenen Viergespann erblicken wir an der Seite der Eltern, des Prinzen Wilhelm von Preußen und seiner Gemahlin, ein holdes, jugendliches Frauenbild, lieblich gerötet von der Aufregung des Tages, mit zauberhafter Freundlichkeit die Bürger grüßend, die sie jubelnd in ihre Stadt geleiteten. Es ist unter allen, die da waren, nur ein Entzücken über die frohe Feierlichkeit dieser Stunde, nur eine Freude über die anmutige Persönlichkeit der schönen Fürstin.

Der Vollständigkeit nach wäre nun zu erzählen, wie sich von da an Feier an Feier drängte; es wäre der reiche, noch lange nicht endende Kranz der großen und kleinen Feste zu besprechen, die vom Lose, von der Stadt, von den Familien gefeiert wurden, werden und werden sollen, die hohe Vermählung selbst, die Theaterstücke, Festspiele, beleuchteten Läufer, die Bälle, Gastmähler und Bankette — indessen haben davon andere schon ziemlich Erwähnung getan, und wir wollen daher, um bald zum heutigen Festtage zu gelangen, nur etwa den unendlichen Jubel hervorheben, der an dem Abend erscholl, als die hohen Neuvermählten zum erstenmal das Theater besuchten und, an die Brüstung der königlichen Loge vortretend, sich dem zahllosen, glänzenden Publikum zeigten, — diesen Jubel, der gar nicht mehr zu beschwichtigen, in immer neuen Salven aufschlug und nur spät erst die Trompeten nach langen fruchtlosen Versuchen zu Worte kommen ließ. Seit drei Tagen ist nun auch die ganze Stadt hochzeitlich aufgeputzt. Von den Firsten herunter senken sich mächtige Fahnen blau und weiß, schwarz und weiß in die volkreichen Gassen, und an den Wänden hinauf und von unterst bis zu oberst blühen freundliche Ziergärten mit Bildern, Namenszügen, Wappenschilden, mit Flaggen, Tapeten und anderem prangenden Ornate ausgelegt. Manche Fronten sind so reich und zierlich, so prachtvoll und so glänzend, daß man glauben sollte, das Portal führe unmittelbar in einen Feenpalast. Am besten von allen Gegenden der Stadt hat uns aber der feierliche Schrannenplatz gefallen.

So stehen wir denn am heutigen Tage, den die Freude der Bayern über die Lochzeit ihres Königssohnes so bedeutsam und so volkstümlich verschönt hat. Wir haben nun vor allem die sechsunddreißig Brautpaare zu erwähnen, welche die acht bayerischen Kreise ausgestattet und hieher gesendet haben. Es war gewiß ein preiswürdiger Gedanke, alle Gaue des Landes durch solche Festgesandte an der Feier und an ihren Freuden teilnehmen zu lassen. Die Idee hat hier höchlich angesprochen, und ebenso groß wie die Freude unserer Landsleute, sich als Lochzeitsgäste in der wunderreichen Lauptstadt zu finden, war wohl die Neugier der Münchener, sich die Stellvertreter aller Gebiete des Königreichs im Feierstaate gegenüberzusehen. Leute früh zehn Ahr war nun die bestimmte Stunde, wo der Festzug vom Rathaus herunter über den Schrannenplatz und durch die Kaufingerstraße zur Trauung in die Kirche ziehen sollte, und so stand denn geraume Zeit vorher schon auf dem Platze und in der Gasse unzähliges Volk.

Endlich kommt der Zug. Voraus ein Bannerträger mit der Fahne von München, dem Mönche im goldenen Felde, und dann die Bergschützen von Lenggries und Wackersberg, über hundert Mann stark, mit ihren Spielleuten, welche die Schwegel- pfeife bliesen und die Trommel rührten, prächtige Lochländer mit buschigen Schnurrbärten und roten Backen in ruhig fester Laltung einherschreitend, mit grünen Röcken, den grünbebänderten Lut mit den Spielhahnfedern und dem Gamsbart auf dem Laupte, den sicheren Stutzen im Arm.

Auf die grünen Schützen der Berge folgten also die sechsunddreisiig Lochzeitszüge. Die Brautleute erscheinen mit ihren Brautführern und Lochzeitsladern, den jugendlichen Kranzeljungfern, mit dem Ehrenvater, der Ehrenmutter und den Gästen: alle zusammen an vierhundert Personen. Einzelne Genossenschaften waren zu Fuß, andere saßen in langen, reich verzierten Wagen, die von vier stolzen, urkräftigen Rossen gezogen wurden. Da gab es viele wunderliche Trachten zu beschauen, die zum größten Teil noch jetzt im Ansehen sind, wenn auch hie und da mit lobenswertem Takte um einige Dezennien zurückgegriffen wurde, um alte funkelnde Prachtstücke, die jetzt aus der Äbung gekommen, wieder glänzen zu lassen. Es wäre aber zu große Arbeit, den farbenreichen Zug nach all seinen Gewandstücken zu schildern und die 36 Landsmannschaften gesondert abzumalen, und so wollen wir nur einzelne herausheben.

Zuerst kam also der elegante Brautwagen der Landeshauptstadt, von welchem die hübschen Töchter vonMünchen herablächelten, die zierlichen Gestaltenmit dem blitzenden Riegelhäubchen und dem reich verschnürten Mieder, an dem die hundertjährigen Lecktaler hängen. Mit den Oberbayern erschienen auch die Reichenhaller, denen die heimatlichen Bergschützen das Geleit gaben, mit grauen Joppen und spitzen Lüten. Mit den Mädchen von München in ihrer modernen städtischen Zierlichkeit mochte man- dieLochzeiterin von Schrobenhausen, „der Stadt an der stillenPaar, treu dem Königshause immerdar", Zusammenhalten, die in alter bäuerlicher Pracht, die Laare gepudert und abwärts mit roten Bändern in einen dicken Zopf gestochten, eine schwere weit ausgreifende Krone auf dem Laupte trug. Rach dem Brautpaare aus dem Gebirge von Rosenheim fuhren die rotjackigen Jungen von Straubing, die mächtig auf ihren Trompeten bliesen, stolz auf ihre Lochzeiterin, die auch in roter Jacke brannte. Lierauf in offener Kalesche die Passauer, die schönen Mädchen von Passau mit den goldenen Lörnern auf den Köpfchen, sämtlich jenes berühmten Schlages, der am Innstrom erblüht, von seinen Quellen im Engadin durch Tirol und durch das bayerische Lügel- land hinunter bis zu seinem Einstuß in die Donau. Dann die Rottaler Bauernjungfern mit kufenförmigen Kronen von Flittergold und nach diesen die ferne Pfalz in städtisch züchtiger Einfachheit. Den Reichtum ihrer Lerzen beweist das Geschenk der Burg Lambach, das die Pfalz am Rhein in diesen Tagen dem Königssohn zu Füßen legte. Ferner die Oberpfälzer von Kemnath, wo der Bräutigam mit dem Säbel zur Lochzeit geht, die Mädchen mit hohen, dünnen Zylindern auf dem Scheitel, welche seltsam nicken, und die Lemauer, denen der Brautführer das Schwert vorantrug. Mit den Oberpfälzern waren 76 Bergknappen gekommen, die nun in schwarzer Bergmannstracht, denLammer im Arm, in Reih und Glied vorüberzogen, ihre Trompeter voran — ein in unserer Ebene selten gesehenes Corps. Dann folgten die Bambergerinnen mit den gigantischen Barthauben und wieder in offenem Wagen die Ratsherren von Kronach in schwarzem spanischen Gewände mit goldenen Ketten, sehr stattlich anzusehen, ein beneidenswertes Bild sür alle andern schwarzfrackigen Ratsherren unserer Zeit. Lierauf die kräftigen Männer aus dem oberfränkischen Mistelgau mit breiten schwarzen Lüten und alteigentümlicher Landestracht.

Aus Mittelfranken waren die Knoblauchsbauern da, die um Nürnberg wohnen und große Blumenfreunde sind. Aus Anterfranken waren Lochzeitsleute vonWürzburg gekommen und feine Mädchen damit, mit niedlichen Florhäubchen geschmückt, in weiße Stoffe gekleidet, leicht und elfenhaft und wohlberechtigt, mit den Töchtern vonMünchen und Passau um den Preis der Zierlichkeit zu ringen. Diesen folgte ein Lochzeitszug aus dem reichen Schweinfurtergau, wo das Frauenvolk hohe kegelförmige Lauben trägt, deren Ausläufer als breite Bänder über den Rücken siattern. Die Mädchen dieses Gaues erfreuen sich besonders schmächtiger Füßchen und behaupten mit koketter Ironie, sie hätten nicht Geld genug, sich große Schuhe machen zu lassen.

Den Schluß bildeten die Schwaben. Zuerst ein Zug von Trompetern aus Augsburg in altdeutschen Samtröcken und Baretten, dann die zwei Brautzüge aus der alten Augusta, zweiunddreißig Personen. Die Frauen von Augsburg trugen noch die goldenen reichsstädtischen Boggelhauben, die Mädchen von Kempten aber jene riesenhaften scheibenförmigen Gebäude, die sie Rathauben nennen. So zogen also in spannender Mannigfaltigkeit der Gewänder, glitzernd in Gold und Silber und in reichem Spiel der Farben die jungen Brautpaare, ihre Verwandten und Landsleute in die Kirchen zur Trauung. Von den Dächern herunter wallten ihnen die Festbarmer entgegen, aus den bekränzten vollen Fenstern bewunderten sie die Lerren und Frauen, auf der Gaffe fteute sich unzähliges Volk an den stattlichen Männern und den anmutigen Iungftauen, welche lächelnd vorüberfuhren, während die Trompeten und Waldhörner, die im Zuge reichlich verteilt waren, ermutigend dareinschmetterten.

Als sie, die Katholiken in der Michaelskirche, die Protestanten in der ihrigen, getraut waren, kamen sie wieder zusammen und begaben sich allerwege durch dichtes Gedränge des Volkes in den Pschorrkeller, wo ihnen in dem weiten Raume ein Mittagsmahl bereitet war, das die Stadt München gab, welche überhaupt die Lonneurs des Festes mit großartiger Freigebigkeit zu machen wußte. Im weiten Lose des Pschorrkellers stellten nun die Festordner den Zug wieder aus zum feierlichen Gange über die Theresienwiese. Lier kamen auch die festlichen Symbole hinzu, die ihm die letzte Weihe gaben; alle Landsmannschaften ließen ihre Banner wehen, und allen voran wehte die große Fahne mit dem Wappen des Königreichs. Nun ging's freudig hinab in die Wiese, aus welche eine herrliche Lerbstsonne herunterleuchtete, und vor das königliche Zelt, wo die Mistelgauer einen heimischen Brauttanz begannen und ihre Iungftauen weidlich schwangen zum großen Vergnügen der Hunderttausende, welche auf dem Tanzplatz standen. Dann reihten sich alle auf die Bänke, die für sie aufgeschlagen waren, gegenüber den königlichen Herrschaften, um das Nennen zu beschauen. Wir unterlassen die weitere Schilderung der Feier, müssen uns aber noch bei dem tiefen Eindruck aufhalten, den der Festzug auf alles Volk, hoch und nieder, hervorbrachte. Manchem Beschauer wurden die Augen feucht, und selbst weit hergekommene, ausländische Gäste bekannten gern ihre Rührung ein- Es ist das Volkstümliche, das so wirkt, die Freude an der Art des eigenen Stammes, der Gedanke, wieviel Schönes und Herrliches, anscheinend Anmögliches sich durch einträchtigen Sinn, durch Liebe und Begeisterung, durch teure Namen ermöglichen lasse. Es ist etwas Prächtiges um ein volkstümliches Volksfest! Wollte Gott, wir Deutschen alle hätten bald Anlaß, ein großes deutsches Volksfest zu begehen, sei es an den Afern des Rheins oder der Donau, wo dann die Seemänner von Danzig und die Weinbauern der Pfalz, die Dittmarschen und die Zillertaler nebeneinander erscheinen mögen im pangermanischen Festzug!

Kronprinz Maximilian, der 1848 als Maximilian II. die Regierung antrat, war am 28. November 1811 geboren. Prinzessin Maria von Preußen, die spätere Königin Marie, Mutter der Könige Ludwig II. und Otto I., war bei ihrer Verheiratung 17 Jahre alt; sie starb im Jahre 1889.