München im Jahre 1829
Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 138)
Friedrich Wasmann, der Lamburger Maler, hat eine Selbstbiographie hinterlassen, die von Bernt Grönvold unter dem Titel „Ein deutsches Künstlerleben" veröffentlicht wurde. Seine Münchner Erlebnisse und Eindrücke schildert er darin so: In den letzten Tagen des Oktoberfestes traf ich in München ein. Das Wetter war schön und alles voll Leben und Bewegung. In der Michaelskirche wurde zum Iahresgedächtnis eine Totenfeier für den letztverstorbenen König gehalten. Die Tiroler Berge lagen glänzend in der Ferne, als ich mich ins Krankenhaus begab, um von meinem Anwohlsein wieder zu genesen. Freunde und Landsleute aus Lamburg besuchten mich sieißig, während ich krank lag, und ich fühlte mich nicht so verlassen, wie einst unter ähnlichen Amständen in Dresden. Als ich, wieder hergestellt, zum ersten Male wieder in die Stadt kam, war ich wie berauscht vom Gefühl der Genesung und Freiheit, und alles, was ich sah, gefiel mir.
Ich fand ein passendes Quartier im Mariengäßchen am Jsartor, wo damals noch der alte Turm, der sogenannte „Lueg ins Land", stand, anstatt der neuen Triumphpforte mit dem von dem Maler Neher in Fresko gemalten Einzug Ludwig des Bayern. Die Kunst hatte erst angefangen, ihre verschönernde Land an die Laupt- stadt zu legen. Die meisten Straßen ttugen noch das schlichte Äußere des alten Bürgertums, und über den Türen der Landwerkshäuser las man auf den Schildern das unvermeidliche „bürgerlich" dem Lebzelter, Salzstößler usw. vorangesetzt. Sprache und Sitten waren damit im Einklang, auch die Einfachheit und Wohlfeilheit der Lebensmittel. Treffliches Bier verlangte der Taglöhner ebenso unverfälscht zu trinken wie der Bankier, da es mit einem Stück guten Brotes oft die einzige Nahrung der ärmeren, schwer arbeitenden Volksklasse ausmachte, und diese Gleichheit der notwendigsten Bedürfnisse gab der ganzen Masse der Bevölkerung einen Anschein von Behäbigkeit und ließ den Anterschied der Stände nicht so grell hervortteten. Man sah in den Bräuhäusern Studenten, Soldaten, reiche Bürger, Landwerksburschen und elegante Lerren gemütlich nebeneinander sitzen. Gutes Bier war die Losung, und München war damals auch wegen seiner Naturwüchsigkeit und Wohlfeilheit ganz besonders das Dorado für die Künstlerwelt.
Auf diesem katholischen Boden wuchs, von der Sonne der Fürstengunst beschie- nen, die junge Kunstpflanzung unter Cornelius empor. Die Großmut des Königs Ludwig I. ermöglichte es diesem Meister, den alten Sauerteig auszufegen, mit gleichgesinnten Männern eine neue, auf Wahrheit und Geschichte gegründete Richtung anzubahnen und die Adlerschwingen des Genius zu entfalten. Es war dies kein leichtes Anternehmen, nachdem die Tradition aus den Lerzen der Völker entrückt, die Kunst ein Monopol der gebildeten Welt in Gestalt der Akademie mit konventionellen Formen geworden war und es in Frage steht, ob sie je wieder Sache des christlichen Volkes und wie in alten Zeiten demselben verständlich werden kann. Diese Männer arbeiteten und kämpften wie Riesen, Erstaunliches leistend. Selbst als die neu auftauchende Mode des Tages, „unbeständig wie der wechselnde Mond", wiederum eine ihnen feindliche Richtung begünstigte, wußten sie ihre Stellung zu behaupten und, ohne vom Platze zu weichen, in ihrem Sinne fortzuwirken.
Aber nicht für Künstler allein, auch für andere, nach gleichem Ziele strebende Geister war die Regierung des großen Königs ein irdisches Paradies und die Blütezeit der christlichen Romantik. Es war eine Vereinigung von Männern, die, in gemeinsamem Ringen für Wahrheit und Religion begeistert, in einem angemessenen, großen Wirkungskreis, verbunden mit einer behaglichen Existenz, lebten.
Nach dem Vorgänge vieler andrer Künstler ging ich nicht auf die Akademie, sondern suchte nach einer Skizze, die ich auf der Reise entworfen, etwas im Genrefach zu leisten. Ich hatte mir Lebels Alemannische Gedichte gekauft, und diese, nebst Goethes Faust, bildeten fast meine einzige Lektüre, während ich einen Karton zeichnete, den ich noch in diesem Jahre fertigmachte, so daß ich im neuen Jahre zu malen beginnen konnte. Fortwährende Kränklichkeit ließ mich aber nie recht zum Genuß des Schaffens und zu tüchtiger Durchführung einer größeren Arbeit kommen; doch war es die schönste Zeit meines Lebens, und ich fühlte mich von dem Strom der Ideen gleichsam gehoben und getragen. Selbst diejenigen, welche sich nur mit Darstellung von Naturgegenständen beschäftigen, wußten einen gewissen Adel und Würde in ihre Arbeiten zu legen, wie die kleinen, anspruchslosen, aber exakt durchgeführten Bilder von Peter Leß und Leidegger noch jetzt wie Edelsteine unter den Genrebildern glänzen. Der Troß der krassen Naturalisten, welche die Natur sozusagen auf die Leinwand kleben, hielt sich in bescheidener Entfernung. Mittelmäßigkeit und technische Bravour gehörten noch nicht zur Tagesordnung, solange noch Cornelius und seine Schüler als Autorität galten; erst später wurden sie Herren des Terrains und wußten sich für den ihnen auferlegten Zwang reichlich zu entschädigen. Es war neben der Akademie, außer der Schule des Cornelius und der Professoren Schlotthauer und Schnorr, besonders Heinrich Heß, welcher mit Takt und Sachkenntnis auf einfache Weise junge Leute zu Künstlern bildete, indem er sie ohne das Mittel der Akademie und lange Übergänge rasch in die praktische Übung der kirchlichen Kunst mitten hineinsetzte, sie von Lehrbuben zu besseren Arbeitern aufsteigen ließ und endlich zu großen, monumentalen Werken in der Kirche verwendete. Seine bedeutendsten Schüler waren einst aus dem schwäbischen Allgäu: jener leider zu früh verstorbene Fischer, welcher die Kartons zu den Glasfenstern der Auer Kirche zeichnete, und die drei Gebrüder Schraudolph, von denen der erste in der Folge eine eigene Schule gründete. Ich sah in späterer Zeit den jüngsten, Lukas mit Namen, wie er von seinem Dorfe gekommen, kindlich frommen Ernst in den Zügen, fast einem jungen Novizen glich. Als er angewiesen wurde, im Gipssaal nach den Antiken zu zeichnen, erklärte er, so schüchtern er sonst war, ganz entschieden, die „loamenen" (lehmenen, tönernen) Götzenbilder nicht zeichnen zu wollen. Man lachte und ließ ihn gewähren. Er wurde später, nachdem er viele andächtige Bilder gemalt, ein geschickter Arbeiter und Elfenbeinschnitzer und starb als Laienbruder in einem Benediktinerkloster.
Der ideale Aufschwung des Kunstlebens übte auf die Masse der Studierenden einen wohltätigen Einfluß und ließ sie nicht in Pedanterie oder zuchtlose Wildheit ausarten.
Wir Hamburger, vierzehn an der Zahl, hielten in einer Art Landsmannschaft zusammen, halfen einander als gute Kameraden, und wenn einer von uns krank war, wachten die andern abwechselnd die Nächte bei ihm. Wie heimisch dünkte mir dies gemütliche Leben nach dem wüsten Treiben, in das ich auf der Dresdner Akademie gestürzt war. Auch fehlte es unserer Gesellschaft nicht an irgendeinem Individuum, das durch lächerlichen, mit Kunstphrasen aufgeputzten Blödsinn den „Clown" abgab, an dem sich der Witz der andern übte, aber im ganzen herrschte ein anständiger, gemütlicher Ton. Ansere Sprache war das heimatliche Plattdeutsch, das wir selbst in den Kneipen gar zu gerne hören ließen, um uns von den Süddeutschen zu unterscheiden.
die es nicht verstanden. Linser Senior war ein wohlbeleibter Kupferstecher, Vater Borum genannt, der bei Gelagen und Festlichkeiten präsidierte. Llnter seiner Leitung feierten wir den Weihnachtsabend mit Tannenbaum und kleinen Geschenken, und ein kleiner, häßlicher, koboldähnlicher, hinkender Junge, der Sohn der Lausfrau, als Amor mit Flügeln ausstaffiert, mußte die Lose ziehen. Dann wurden Karpfen geschmaust, gepunscht und darauf die Runde durch die katholischen Kirchen gemacht, um die Christmette anzuhören, wobei ich vergeblich mich anstrengte, in eine andächtige Stimmung zu kommen.
Am Silvesterabend zogen wir spät nachts in ein Weinhaus, wo mehrere Maler versammelt waren, uns mit Jubel empfingen und Getränk von den schönsten Namen des Rheins in Strömen floß. Gesundheiten wurden getrunken, des Königs, der Professoren, auf Vergessen alles Zwistes und Laders, wie sie unter Künstlern stattfinden. Man herzte, umarmte fich, bat um Verzeihung, brach in den lautesten Jubel oder in Tränen aus, je nachdem sich nach der Verschiedenheit des Landes und der Temperamente die Wirkung des Weines kundgab. Wir Lamburger fingen an, wie Matrosen uns einander auf der Bank zu schieben und zu stoßen. Etliche Oldenburger mit dickerem Geblüt blieben apathisch sitzen; die Rheinländer und Düsseldorfer machten Gesichter wie die Recken der Nibelungen und übten sich in kühnen, ritterlichen Stellungen. In einem Winkel der Stube saß eine trauernde Gruppe, gleich den Juden auf den Trümmern des Tempels. Als ich näher trat, erkannte ich lauter Sachsen, deren einer, um die Arsache des Leides befragt, untröstlich und laut schluchzend sagte, der beste Schüler des Cornelius, ihr Landsmann der Maler Lermann, sei bis dahin immer verkannt und zurückgeseht worden. Man hatte nämlich an diesem Abend seine Gesundheit ausgebracht, worauf er sich beschämt in eine Ecke setzte und zu weinen anfing. Auf dieses hinauf setzten sich seine Landsleute um ihn herum und weinten ebenfalls. Er war ein frommer, stiller Mensch, als Künstler hochgeachtet; die Schlacht von Ampfing unter den Arkaden wurde von ihm gemalt, ebenso das etwas rätselhafte Deckengemälde in der neuerbauten protestantischen Kirche, dessen Erklärung wieder einer Erklärung bedarf. Auf positiv geschichtlichem Grunde leistete er Vortreffliches. Ich sah dort auch Volz, Leinlein und den damals schon berühmten Schüler des Cornelius, Kaulbach, einen schönen Jüngling von schlanker, zart gebauter Figur, in knappem Leibrock und breitkrempigem Lut, der sich vornehm von dem größeren Lausen entfernt hielt, welcher, seinem Talent huldigend, sich an ihn drängte. Diese aristokratische Laltung behielt er auch später seinen Verehrern gegenüber bei, die, als sie ihm einst eine Ovation bereiten wollten und anfragten, wie er es aufnehmen würde, eine solche Abfertigung erhielten, daß sie nicht zum zweiten Male kamen.
Es war damals ein freudiges Wirken und Zusammenleben in München, wie noch keine Zeit es gesehen, der fröhliche Jugendrausch eines jungen Deutschland, das, von den Banden fremder Zwingherrschaft befreit, Brotneid, Eitelkeit und Vornehmtuerei ausschloß. Wenn die ganze große Künstlermasse, jenseits des Englischen Gartens in Bogenhausen bei gutem Bier versammelt, ftöhlich durch- und nebeneinander summte und brauste, wenn dann Stille geboten wurde und einer der verehrten Meister eine kurze Ansprache hielt oder der alte Eberhard einen selbstverfaßten, altdeutschen Reimspruch vortrug, während aller Blicke ehrfurchtsvoll aus den Redner gerichtet waren; wenn es dann hieß: „Comelius kommt!" und man den Altmeister in seiner gedrungenen Gestalt, mit seinen majestätischen, scharf ausgeprägten Gesichtszügen in das Tor des Gartens hereinreiten sah, dann erhob sich ein Jubel und Lurrarufen, das kein Ende nahm. Es herrschte eine fteiwillige Anterordnung und Vereinigung unter einer künstlerischen Autorität.
Etliche dreißig Jahre später kam ich wieder nach München. Da hatte es ein anderes Aussehen bekommen. Der ftöhliche Lärm der Künstler war verklungen; man stand sich mißtrauisch gegenüber, sprach von dem Preiskurant der Bilder. Große Preise und das Geschick, sich der Mode anzuschmiegen, bestimmten den Wert des Werkes. Die alte Zeit war nicht mehr, welche Cornelius in der Rede 1835 zu Rom schildert, wo er sagt: „Als aber König Ludwig den Thron seiner Väter bestieg, da ging's erst los, hei! Wie wurde da gemeißelt, gebaut, gezeichnet und gemalt! Mit welcher Lust, mit welcher Heiterkeit ging da jeder ans Werk! Aber es war eine ernste Heiterkeit. Auch war München damals kein Treibhaus der Kunst."
Der „Lueg ins Land" stand, waö Waömann offenbar verkennt, etwas nördlich vom Jsartor, bas von Gärtner 1832—1835 restauriert und mit dem Fresko B. von Nehers „Der Einzug Kaiser Ludwigs deö Bayern nach der Schlacht bei Ampfing" geschmückt wurde. — Peter Heß (1792—1817), Schlachten- und Pferdemaler, zugleich Meister deö Genrebildes. — Karl Wilhelm Freiherr von Heideck, genannt Heidegger (1788—1861), Maler und Radierer, war Offizier, zuletzt Generalleutnant. — Heinrich Heß (1798—1863), seit 1816 in München, zuletzt Direktor der „Vereinigten Sammlungen". — Joseph Anton Fischer (1814—1859) stammte aus Oberstdorf im Allgäu. — Carl Heinrich Hermann, geboren 1801 in Dresden, lebte von 1825—1840 in München und übersiedelte später nach Berlin; er war Maler religiöser Motive in nazarenischem Sinne. — Der berühmteste der Brüder Schraudolph war Johann (1808—1879), der im Jahre 1849 als Nachfolger von Heinrich Heß mit der Professur für religiöse Malerei an der Akademie betraut wurde. — Der Bildhauer Konrad Eberhard (1768—1859) aus Hindelang war von 1817 bis zu seiner Pensionierung im Lahre 1835 Professor für Plastik an der Akademie. — Heinrich Heinlein (1803—1885) war ein ausgezeichneter Landschaftsmaler, der besonders die oberbaycrische Hochebene und das Gebirge in ihren großartigen Stimmungen festhielt. — Wilhelm von Kaulbach (1805—1874), der hier zum erstenmal in unseren Gesichtskreis tritt, erscheint noch wiederholt in späteren Abschnitten des Buches.