Künstlerfeste
Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 147)
Das „Münchner Lundert und Eins", das S.F.Daxenberger im Jahre 1840 unter dem Pseudonym C.Fernau erscheinen ließ, und dem dieses und einige folgende Stücke entnommen sind, ist eine der zuverlässigsten Quellen der Erkenntnis Münchner Zustände in der Biedermeierzeit. Äber Künstlerseste schreibt Daxenberger:
Die schönsten jungen Leute, die kräftigsten Charaktere und die besten Stimmen sind unter den Malern. Ihr Gesang ist eine herrliche Arabeske im Münchner Künstlerleben. Regelmäßig erschallt er in einem Nebensaale des Englischen Kaffeehauses, wo an sechsunddreißig Kunstzöglinge sich unter dem Namen „Neu-England" zu einer heiteren Abendgesellschaft konstituiert haben. Von Zeit zu Zeit gibt es eine ihren Standesgenossen und Freunden gewidmete Produktion; auch kann man diese frische Sängerschar bei feierlichen Anlässen, Cornelius-Fest, Gärtner-Diner, bei Künstler- Maskenbällen und Banketten zu hören bekommen. Für ihre selbständigen Festlieder haben sie ihren eigenen Maler-Dichter, Felix von Schiller aus Braunschweig. Schiller ein Name, bei dem aller Deutschen Lerzen aufgehen. Der ausübenden Maler sind bei dieser Nova-Anglia (nur von dem Sih der Gesellschaft so genannt) wenige; die meisten sind noch Schüler der Akademie. Ihre Lehrer und Professoren, meistens verheiratet, bleiben des Abends zu Lause; ihre Meister, vor deren Bildern sie auf dem Kunstverein und in deren Ateliers lemen, kommen teils bei dem Kafetier Schimon in der Kaufingerstraße, teils bei dem Stubenvollbräuer auf dem Anger (früher bei Findel) zusammen. Dort werden die Trophäen künstlerischer Feste gruppiert und aufgehängt und mit der rechten, vollkommenen Einsicht in die Technik die neuesten Kunstleistungen besprochen. Kommt ein Fest, so wird dieses mit den Frauen entweder in einem Saale auf dem Prater, ein ländliches auf der Menterschwaige gefeiert. Theaterstücke zur Parodie unserer Zeit werden geschrieben und aufgeführt oder ein charakteristischer Maskenball gegeben. Anvergeßlich allen sind jene lebenskräftigen Bilder der Vergangenheit, die Maskenzüge der Künstler im königlichen Lostheater (1835—1840), die Gestalten aus Wallensteins Zeit und Lager, noch mehr aber der Einzug Kaiser Maximilians I. in Nürnberg, wobei über 300 Personen, Bürger und Gefolge des Kaisers, Mummenschanz und Meistersänger, die berühmten Künstler, Gelehrten, kaiserlichen Räte, Kriegsobristen und Feldhauptleute aus der ersten Lälfte des 16. Jahrhunderts, von Künstlerhand wieder ans Licht gerufen, erschienen. Die deutschen Maler aus dem Zeitalter König Ludwig des Ersten haben sich in der großen Mehrzahl den Toilettenformen der Gegenwart entrückt; sie sind herrschend geworden und haben sich auf Natur, Geschichte und Romantik zurückgezogen. Die gefeierten Künstler-Bälle (1827—33), zuerst im „Bauhof", hierauf im Kotel zum schwarzen Adler, dann im großen Odeonssaale gehalten, wozu die Elite der hiesigen Gesellschaft eingeladen war, wo die gesamte königliche Familie sich zeigte, können jetzt nicht mehr stattsinden; der Ton der Salonwelt, dem sich die Stifter und Chorführer unterwarfen, ist bei dem starken Volke unbeliebten Andenkens geworden. Nicht mit Anrecht ist ihm der Frack verhaßt; das Modern-Konventionelle ist der Tod des Poetischen.
Das Englische Kaffeehaus stand am Dultplatz, dem jetzigen Maximiliansplatz, an der Stelle, wo heute das Bernheimerhaus steht. Das Findelsche Wein- und Gasthaus befand sich in der Dienersgaffe, der Gasthof zum schwarzen Adler in der Kaufingerstraße. — Daö Kaiser Maximilian- oder Albrecht Dürer-Fest des Jahres 1840 spielt bekanntlich eine Rolle in Gottfried Kellers Roman „Der Grüne Heinrich" und ist dort ausführlich geschildert.