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Wie es in München im Jahre 1833 aussah

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 163)

Im Oktober 1833 kam der damals neunzehnjährige Kunststudent Friedrich Pecht, später als Kunstschriftsteller ein einflußreicher Mann, aus Konstanz nach München. Es gewann einen ziemlich tristen Eindruck, den er in seinen Erinnerungen „Aus meinem Leben", die er fast sechzig Jahre später niederschrieb, festgehalten hat:

Es war ein nebliger Abend geworden, und so sah ich denn von München nicht mehr viel. Überhaupt hatte die damals kaum ein Viertel ihrer heutigen (1894) Einwohnerzahl besitzende, ziemlich ärmlich aussehende Stadt selbst für solchen Provinzialen wie ich recht wenig Imponierendes, nur das furchtbare Pflaster und den ungeheuren Kot. Die Straßen sämtlicher Vorstädte waren nur erst projektiert und da und dort ein Laus darin gebaut; das wie ein riesiger Kasten aussehende Limbsel- haus und der vollkommen öde Dult- oder Maximiliansplatz, der jetzt mit prächtigen Anlagen und palastartigen Läufern geschmückt ist, machten wie der Karlsplatz selber alle damals den Eindruck der gleichen trostlosen öde und Armut, wie ich ihn einige Jahre später auch von Berlin hatte. Die Glyptothek stand weit draußen in einer Art von Wüstenei, wie die kaum im Bau begonnene Pinakothek hinter ihr. Als Wegzeiger zu beiden wurde am Tage nach meiner Ankunft der Obelisk enthüllt, als Denkmal für die dreißigtausend Bayern, die „auch für Deutschlands Befreiung gestorben" sein sollten. Von dieser Befreiung war nun freilich recht wenig wahrzunehmen, denn der unleidlichste Polizeidruck lastete auf der Stadt, in der auf den Straßen nicht einmal geraucht werden durste, und wo der Fremdling gleich nach seiner Ankunft sich persönlich auf der Polizei zu melden und um Aufenthaltsbewilligung zu flehen hatte. Die Grobheit, mit der man da angeschnauzt wurde, war jedenfalls noch viel klassischer als die Architektur Klenzes; überall hatte man die Empfindung, daß man nur eben geduldet sei, aber nicht mucksen dürfe, wenn man nicht fort- geschubt werden wolle ...

Von dem stolzen Selbstgefühl, mit dem der Brite oder Franzose ihren Staat als ihr Eigentum betrachten, ist noch viel zu wenig unter uns zu tteffen. Am mich dergleichen recht lebhaft empfinden zu lassen, dazu war meine Erziehung durch den Liberalismus der Rotteck und Welcker bei der Einbürgerung in München, die ich jetzt durchzumachen hatte, recht geschickt. Denn überall, in der Akademie, in den Museen, wie auf der Straße, bekanr man da die Empfindung, daß diese Anstalten ganz und gar nicht für den Bürger da seien, der sie bezahlte, sondern daß ihm bloß gestattet werde, sie so weit zu benützen, als es die Gnade des Herrschers, besonders aber die Bequemlichkeit der Lerren Angestellten etwa zuließ. Das München aber, welches König Ludwig erst zu schaffen im Begriff war, stand genau so armselig und willkürllch dem schon vorhandenen gegenüber, welches die früheren Jahrhunderte hinterlassen hatten, wie Karlsruhe oder Mannheim sich gegen Nürnberg oder Augsburg ausnahmen.

Das Himbselhaus, dem Baudirektor Himbsel gehörig, stand am heutigen Lenbachplatz hinter dem Goethe-Denkmal. Es fiel erst in neuerer Zeit, um dem Gebäude der Deutschen Bank Platz zu machen.