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Das Oktoberfest von 1832

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 157)

Aber das letzterwähnte Oktoberfest, das in Anwesenheit der griechischen Abgesandten begangen wurde, schreibt August Lewald in seinem „Panorama": Eine ganze Woche der heitersten Lust und des schönsten Wetters war bereits verstrichen, und die Wiese wimmelte von Gästen. Man sah dem eigentlichen Äauptfeste, das am Sonntag,den 7. Oktober abgehalten werden sollte, erwartungsvoll entgegen. Von allen Seiten strömten schon die Landbewohner der Äauptstadt zu, um die Erzeugnisse ihrer Provinz beim Feste auszustellen. Die Ställe füllten sich mit herrlichen Rindern und Pferden, welche durch Mast und Zucht zu einem seltenen Grade der Vortrefflichkeit gediehen waren, ihren Besitzern die höchsten landwirtschaftlichen Preise verheißend, und das eigentümlich regsame Leben, welches die Gäste in gewissen Bezirken verbreiteten, sing auch schon an, sich bemerkbar zu machen. In den Gasthöfeir war alles besetzt, und man begegnete aus den Promenaden Leuten, die in Bettagen und Tracht leicht das Fremdartige erkennen ließen. Dabei regte sich noch eine andere Erwartung, die ganz geeignet war, die festliche Stimmung aller bedeutend zu erhöhen.

Es war die Nachricht verbreitet worden, daß der zweitgeborene Prinz des Regentenhauses zur Krone von Griechenland berufen worden war, und bald gewann diese Nachricht ein offizielles Gewicht. Man erfuhr die Ankunft einer griechischen Gesandtschaft in Triest, von wo sie nach Beendigung der Quarantäne sich nach München begeben würde, um die Luldigung ihrer Natton dem Könige darzubringen.

Miaulis, Vozzaris, Koliopulos nannte man als Mitglieder dieser Gesandtschaft; ohne irgendeine andere Stimmung bei dieser merkwürdigen Gelegenheit angeregt zu fühlen, nahm es schon eine ungemeine Teilnahme in Anspruch, diese Männer von Angesicht kennen zu lernen. Es war daher ein natürlicher Wunsch, die griechischen Gesandten beim Volksfeste erscheinen zu sehen. Durch die Erkrankung des Admirals Miaulis wurde jedoch ihre Ankunft zur bestimmten Zeit unmöglich gemacht und auf Anordnung des Königs die Feier um acht Tage hinausgeschoben. Diese Maßregel erregte nur Steigerung des Vergnügens und der Erwartung, denn sie verlängerte die frohe Zeit um eine volle Woche, und da nun noch der zum eigentlichen Feste bestimmt gewesene Sonntag Regen brachte, so war die Zufriedenheit allgemein.

Mittlerweile traf der königliche Los von Aschaffenburg, der Sommerresidenz, ein und bezog das gewöhnliche Winterresidenzgebäude. Der jungeKönig von Griechenland erhielt ein seinem neuen Range angemessenes Apartement in einem Flügel des Schlosses nach dem Äofgarten, eine Äartschierwache und alle dem Könige gebührenden Ehreir. 

Man sah in den Straßen Landeskinder in der Llniform der neuen griechischen Garde, mit der griechischen Schärpe umgürtet, die zufällig gleich der bayerischen aus Blau und Weiß besteht. Die hoffähigen Kavaliere und die gesamte Diplonratie fuhren zur Aufwartung bei Otto I. in steifer Gala und mit ziemlich fremdartigem Gepränge. Das Lotel der Grafen Preysing, dem königlichen Schlosse gegenüber, wurde für die Regierungsmitglieder des neuen Königs eingeräumt, und ebenso war dort alles zum Empfange der Gesandten vorbereitet. Neugierige umstanden zu allen Tageszeiten das alte, graue Lotel, dessen Pforten und Tore man nun wieder einmal nach langer Zeit geöffnet sah, und vor welchem zwei Posten hin und her gingen... 

Die aus allen Teilen des Königreichs zusammengeströmten Landleute durchziehen am Sonnabend, der dem Sonntage des eigentlichen Festes unmittelbar vorhergeht, in ihren Festtagskleidern die Stadt und vermehren das Gewühl, welches alle Straßen und Plätze effüllt, um ein Bettächtliches. Alles was München Sehenswürdiges enthält, ist dem Publikum geöffnet, und zu dem Elfenbeinkabinett, den physikalischen Sammlungen, den naturhistorischen Museen und den brasilianischen Kuriositäten sieht man lange Züge Neugieriger durch die weit offenen Pforten ein und aus gehen.

Vor allem sind es aber die Herrlichkeiten des königlichen Marstalls, der Sattelkammer und die Remisen der Los- und Staatswagen, welche die Aufmerksamkeit der ländlichen Gäste in Anspruch nehmen. Zn diesen Räumen wird das Gedränge so, daß man nur mit Mühe hindurchzukommen vermag. Was sind aber auch die kunstvollsten Kabinettstücke gegen einen Wagen von Spiegelglas, wo ein goldener Engel den Bock ttägt und Drachenköpfe und Blumengewinde sich in Pracht überbieten, und wobei das wirklich Wunderbare ist, daß selbst acht Pferde kaum imstande waren, den Koloß fortzubewegen! Mehr noch als die Wagen aber sind es die Schlitten, die angestaunt werden müssen. Lier reitet ein das Posthom blasender Engel auf einem Delphin, dort sitzt eine ganz natürliche Nymphe mit rosafarbenem Leib und schwarzen Laaren auf einer Muschel, weiterhin erblickt man einen Drachen ganz in Gold, in dessen rotsamtenem Bauche einst die mächtigsten und huldreichsten Damen sich über die Schneedecke hinziehen ließen. Diesen barocken Geschmack an Schlitten findet man in allen jenen Ländern, wo das Schlittenfahren zu den seltenen Vorzügen gehört, er verschwindet im Norden, wo eine wahrhaft geschmackvolle Eleganz sich über alles darauf Beziehende verbreitet. 

Auch die Kunstausstellung zog die Volksmenge in hohem Grade an. Erfreulich war es, die schnurrbärtigen Gebirgsbewohner in ihrer malerischen Tracht vor den großen Tiroler Schlachtgemälden zu sehen oder vor schön gemalten Pferden und die Mädchen vor den religiösen Schildereien, mit einer Andacht und einem Ausdruck von Bewunderung im Gesichte, die diesen liebenswürdigen Naturkindern vortrefflich anstanden. Aus dem Platze vor der Reitschule hatte das eigentliche Landwirtschaftsfest bereits begonnen. Das zur Preisbewerbung bestimmte Vieh war hier zusammengetrieben worden, und alles ging mit einer nicht genug zu lobenden Öffentlichkeit zu. Lier war von keiner Devise, von keiner Chiffre, von keinem versiegelten Zettel die Rede, wie bei literarischen Preisbewerbungen; da stand der Bauer, daneben sein Stück Vieh, und das Arteil wurde gesprochen. Dennoch fehlte es nicht an den verschiedenartigsten Bewerbungen. Lier war es eine Idylle in einem kleinen Pferche: Schafe mit feiner Wolle, dort Ingredienzien zu einem Schlachtgemälde: bäumende und schlagende Lengste; weiterhin ein häusliches Stilleben: glatte, breitgestirnte Rinder und Kühe; als freche Satyre die — weithin ekelerregenden Dust verbreitend — springenden Böcke. And zuletzt als ergreifende Familienszene: eine Sau mit ihrem Wurf, vierzehn an der Zahl, die im aufgewühlten Erdreich einer behaglichen Ruhe genossen. 

Kanonenschüsse, die vom frühen Morgen, während des ganzen Tages, in abgemessenen Pausen sich vernehmen ließen, deuteten inzwischen auf eine ernstere Feier. Man sah Galawagen durch die Straßen rollen, und Militär, wie zur Parade, aufziehen. Die St.Michaelskirche war weit geöffnet, und die Wache am Portale mußte dem übermäßigen Andrange Schranken sehen. Lier wurde das Totenamt für die gefallenen Max Josephs-Ritter begangen. 

Das K. Elfenbeinkabinett wurde mit seinen einzigartigen Schätzen später dem National-Museum einverlcibt, wo es sich noch befindet. Die physikalischen und naturhistorischen Sammlungen sind der Akademie der Wiffenschaften angegliebert, die „brasilianischen Kuriositäten" befinden sich jetzt im Völkerkunde-Museum. 

Otto (1816—1867), Königs Ludwigs zweitgeborener Sohn, wurde 1832 auf der Londoner Konferenz zum König von Griechenland gewählt und von der griechischen Nationalversammlung anerkannt. 1833 bestieg er den Thron. Es war ein kurzes Abenteuer. Otto konnte, ttotz guten Willens und reicher Unterstützung seines griechenbegeisterten Vaters, seinen Thron nicht befestigen und wurde durch die Revolution 1862 der Krone beraubt. Vereinsamt starb er im Jahre 1867 in Bamberg.