Oktoberfest und Keferloher Markt
Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 150)
Das Oktoberfest und der Keferloher Markt, dieser zu Anfang September, für den St. Egidientag bestimmt, nur wenige Stunden dauernd, jenes zu Anfang Oktober während einer ganzen Woche, können beide Volksfeste der Münchner genannt werden. Der Charakter derselben ist aber unter sich wesentlich verschieden. Bei dem Oktoberfeste auf der freien weiten Theresienwiese, im Angesicht himmelblau glänzender Gebirge, vor der nun emporstrebenden Magna Bavaria und der bayerischen Ruhmes- halle mit deutschem Eichenhain, unter Teilnahme des Loses, ringt sich eine bunte, zu keiner anderen Zeit so zahlreiche Menge von nahe an Lunderttausend zu jener schönen Epoche Altgriechenlands hinauf, wo Spiele ein Band um die Nation schlangen. Seine nächste Bedeutung hat es aber als Zentrallandwirtschastsfest. Der Städter hört, wenn nie in dem Gebirge, jetzt in den Straßen das Alpengeläute der Kühe, und das glänzend geputzte Preisvieh ist mit Blumen und Kränzen, die Pferde sind mit Bändern geschmückt. Lier ist Streben zum Edleren. Dort auf dem Keserloher Markte, drei Stunden von der Lauptstadt entfernt, ist ein Sinken zum Gemeinen. Es ist wie eine Volksbelustigung in einem slavischen Dorfe. So widerlich-kahl ist daselbst die Gegend: nur ein Halbdutzend schmutziger Bauernhütten, von einem düsteren Forst eingeschlossen; ein grauer Limmel drückt gewöhnlich auf den einsiedlerischen Weiler herunter. Aber der Viehmarkt ist seit uralten Zeiten privilegiert und schon Kaiser Ludwig dem Bayern bekannt gewesen, einer der bedeutendsten in Bayern. Es werden ein paar tausend Pferde, das Lornvieh zu Lunderten, zahlreiche Schaf- und Schweineherden zugeführt. Baut man auf der Theresienwiese, wenigstens in den letzten Jahren, niedliche Landhäuschen und wohlgezimmerte bequeme Bretterhütten zur Zeit des Festes und erhält dort eine Abteilung der Bürgergarde Ordnung und Anstand, so werden in dem Dorfe Keferlohs, wenn der Tag kommt, wie im Fluge Krämerbuden errichtet, aus einigen Brettern und Lolzschlägen schnell Wirtsschenken zusammengefügt. Lerde rauchen mit Wursttöpfen; das Bier wird unter freiem Limmel verzapft; die sechs Scheunen von Keferlohe werden zu Tanzplätzen umgeschaffen. Ein bunter Troß von unzähligen Personen jeden Standes, Geschlechts und Alters wogt den ganzen Tag lang im Dorfe und aus der Landstraße von Laid- hausen und Trudering zusammen; vom frühesten Morgen bis in die späte Nacht drängt eine Equipage die andere, der Einspänner den Fiaker, eine Reiterkarawane den Gesellschaftswagen aus dem Geleise. Das allgemeine Losungswort ist: „Kefer- loherisch", womit alles erlaubt und alles entschuldigt werden will. Es herrscht ein dem Gesetze höherer Gesittung hohnsprechender Zustand; ein Laus von Bacchanten hat sich hie und da von aller Zucht befreit. Viele Leiden des Tages, vom Gerstensafte berauscht, verleihen sich selbst den sogenannten Flegelorden und lassen nun vollends die rohen Kräfte walten. Zur Ehre von München ist in eines Tages Frist alles vorüber: aber dieser ist in den Kalendern der Ärzte und Gendarmen rot gezeichnet. Die Lust zum Keferloher Zug hat indessen, wie nicht geleugnet werden kann, merklich abgenommen.
Das Oktoberfest zu München hat bereits viele Nachahmungen in Provinzen und Staaten gefunden. Es ist Pferderennen und fteies Vogel-, Lirsch- und Scheibenschießen und manche andere Ergötzlichkeit damit verbunden. Die ganze Festwoche hindurch, insbesondere aber während des Sonntags und Montags, ist die Wiese von Tausenden besucht, und der Fremde hat hier gute Gelegenheit, nicht nur die vorzüglichere Personenwelt, sondern auch einen großen Teil des Tons von München kennenzulernen. Lier sind Frauen zu sehen, „der Dichter wahres Publikum". In Keferlohe siehst du nur Männer oder auch Larfenmädchen und Troßweiber.
Das Oktoberfest wurde 1810, aus Anlaß der Vermählung des Kronprinzen Ludwig rnit der herzoglichen Prinzessin Therese von Sachsen-Altenburg gestiftet. München hatte seit dem Jahre 1722 keine Lochzeit eines bayerischen Thronfolgers mehr erlebt und gefeiert gehabt. Der Magistrat der Lauptstadt beschloß, dieses hocherfreuliche Ereignis durch ein veranstaltetes Pferderennen zu verherrlichen. Man hatte dergleichen hier lange nicht mehr gesehen, obwohl es eine alte Sitte der Bayern war und urkundlich das erste Wettrennen mit Pferden schon im Jahre 1436, nach der Vermählung Lerzog Alberts III. mit der Prinzessin Anna von Braunschweig, stattsand. Die erste Idee hierzu war von dem damaligen Ches der Bürgerkavallerie, Lerrn von Dall' Armi, ausgegangen. Schon im Jahre 1811 trat das Preisfest des land- wirtschaftlichenVereins dazu. Allein in den darauffolgenden Kriegsjahren unterblieben die Oktoberfestlichkeiten; erst 1816, trotz der allgemeinen Teuerung im Lande, begannen sie aufs neue und zwar mit neuerdachten Attributionen. Da kam nach und nach ein Glückshafen, ein Scheiben- und Vogelschießen, Lieder und Gesänge, Wettlauf und Wettringen von Landwerksburschen und Gesellen, eine Ausstellung von Fabrikaten durch den polytechnischen Verein, ein Feuerwerk und anderes hinzu. Einmal stieg Wilhelmine Reichard aus Dresden in einem Luftballon (1820) herrlich auf; ein andermal war der jetzige König von Preußen als Bräutigam (1823), ein drittes Mal waren die griechischen Gesandten, der greise Miaulis an der Spitze, zugegen (1832).
Aus Femau-Daxenbergers „Münchner Hundert und Eins"