Metzgersprung und Schäfflertanz
Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 171)
Ludwig Rockinger schreibt in der „Bavaria" über die beiden hervorstechendsten und ältesten Zunftbräuche Münchens, über Metzgersprung und Schäfflertanz:
Auf traurige Erscheinungen Wrt manches Spiel zurück, das jetzt in heiterer Weise die Münchener Bevölkerung auf diesem oder jenem Platze versammelt. Wir meinen den Metzgersprung und den Schäfflertanz. Niemand weiß den Arsprung dieser alten Gebräuche. Gewöhnlich nimmt man an, und die Sage deutet auch dahin, daß zur Zeit der Pest sich die Zünfte der Metzger und Schäffler tätig und ohne Furcht ihrer Mitbürger angenommen, weswegen ihnen zum Andenken ein feierlicher Amzug mit Tanz gewährt wurde.
Jedenfalls ist beim Brunnenspringen der Metzger noch eine andere Bedeutung nicht zu übersehen, welche für diese Zunft wesentlich mit in Betracht kommt. Es ist nämlich damit zugleich die Freisprechung der Lehrlinge verbunden. Auch erscheint diese Festlichkeit — und gerade vielleicht deshalb — nicht wie der Schäfflertanz ausschließlich in München, sondern sie findet sich gleichfalls, seit längerer Zeit wenigstens, auch in Tölz. Für dieselbe nun versammeln sich die Beimeister mit ihren Zunftgenossen vierzehn Tage vor dem Faschingsonntage und beraten sich über die Anordnung des Festes und wem die Ehre gebühre, den silbernen Becher und die große Kanne zu tragen. Die dazu Erkorenen, ein Meistersohn und ein Knecht, welchen auch die Bestreitung der Kosten je für Mahl und Trunk obliegt, heißen die Loch- zeiter. Abends wird der Büscheltanz gehalten, mit Bezug auf die Blumensträuße — Büschel—so genannt, welche dieMetzgerknechtevondenMädchen,die sie da zum Tanze führen, seinerzeit für den Amzug bekommen. Nach Beendigung des Tanzes nehmen die Lochzeiter Becher und Kanne sogleich mit nach Lause, um sie mit den reichsten Gehängen von alten und neuen Wertgegenständen an Gold und Silber, namentlich einer hübschen Auswahl von Schaumünzen, für das Fest zu schmücken. Am Faschingmontag ziehen alle Genossen der ehrsamen Zunft in die Kirche von St. Peter zum Gottesdienste. Nach demselben geht der Zug durch mehrere Straßen der Stadt, voran etwa zwanzig Spielleute, dann reitend auf geschmückten Rossen einige kleine Metzgerknaben und die Lehrlinge, welche fteigesagt werden, alle neu gekleidet in schwarze Beinkleider, rote Westen und Jacken, die Lüte mit bunten Bändenr und Blumensträußen geziert, um die Lüste eine weiße Schürze, darauf der blanke Wetzstahl. Die sämtlichen Metzgerknechte folgen zu Fuß in sonntäglicher Kleidung, die Lüte mit Bändern und Blumen geziert, in den Länden Sträuße. Dann kommt
der erste und zweite Hochzeiter als die Willkommsträger, in altmodische mit Silber- borten besetzte Röcke und Westen gekleidet, um die Schultern ein breites Bandelier mit Degen, auf dem Kopfe einen dreieckigen Lut. Ihnen folgt der Altgeselle, dem sich die zwei Beimeister anschließen, worauf der Herbergsvater den Zug beendigt. So geht es in die Residenz, wo sie nach alter Sitte den feierlichen Willkomm bringen, dann zu den übrigen Mitgliedern des Fürstenhauses, worauf sie unter mehrfachen Lebehochrufen zunächst auf die „hohen Stände des Reiches, die Würdigsten des Volkes, die Stützen des Thrones", wie auf „die sämtlichen Stellen und Behörden" sowie auf den „verehrlichen Magistrat", endlich auf „die braven und biedern Einwohner Münchens, die Mit- und Beimeister, Meisterinnen, Meisterssöhne, Gesellen und alle Zunftglieder" auf den Marienplatz ziehen. Jetzt kleiden sich die Lehrlinge um. Der Altgeselle erscheint mit ihnen, sowie sie sich in weißes, enganschließendes Gewand, das mit vielen Kälberschweiflein besetzt ist, umgewandelt haben, am Fischbrunnen und spricht sie frei, nachdem er einige Gläser Wein auf das Wohl der allerhöchsten Herrschaften geleert, nach Beantwortung folgender Fragen:
Altgeselle: Wo kommst du her, aus welchem Land?
Lehrjunge: Allhier bin ich sehr wohl bekannt.
Allhier hab ich das Metzgerhandwerk aufrichtig und redlich erlernt, eben darum will ich auch ein rechtschaffener Metzgergeselle werden. Altgeselle: Ja. Allhier hast du das Metzgerhandwerk aufrichtig und redlich erlernt, darum sollst du auch ein rechtschaffener Metzgergeselle werden. Du sollst aber getauft werden bei dieser Frist, weil du gerne Fleisch, Bratl und Bratwürst ißt.
Darum sage an deinen Namen und Stammen, so will ich dich taufen in Gottes Namen.
Lehrjunge: Mit meinem Namen und Stammen heiße ich Johann Georg N. in allen Ehren. — Das Taufen kann mir niemand wehren.
Altgeselle: Nein nein. Das Taufen kann dir niemand wehren.
Aber dein Namen und Stammen muß verändert werden. Du sollst von nun an heißen Johann Georg Gut, der viel verdient, aber wenig vertut.
Lehrjunge: Vivat allen Lerumstehenden, allen Mit- und Beimeistem, Meisterinnen, Meisterssöhnen und Gesellen! Vivat! Gute Gesundheit!
Hierauf springen sie getrosten Mutes in den Brunnen, werfen Nüsse aus und begießen das sich darum balgende Volk mit Wasserströmen. Wie sie aus diesem Bade steigen, wird jedem ein weißes Tuch um den Hals gebunden und jeder mit einem blauen Bande geschmückt, woran silbeme und vergoldete Schaumünzen hängen, der stattliche Schmuck ihrer Meisterfrauen. Sie sind nun frei und ehrsame Metzgerknechte und ziehen — nachdem sie sich wieder umgekleidet — zur Auflage in heiterer Lust zurück.
Auch den Schäfflertanz, der nur alle sieben Jahre zur Aufführung kommt, läßt eine Sage nach einer Pestfeuche — 1515 und 1517 — entstehen, damit das Volkwieder aufgeheitert wurde. Ein Musikchor eröffnet vierzehn Tage vor dem Fasching den Zug, der von der Lerberge der Schäffler ausgeht. Zwei Amfrager haben schon vorher Erkundigungen eingezogen, wo überall der Tanz stattfinden solle. Bei der Aufführung selbst haben Vortänzer und Nachtänzer eine wichtige Nolle. Als eigentliche Tänzer figurieren zwanzig Gesellen, welche Reise führen, die mit Buchs umwunden und mit blauen und weißen Bändern geziert sind. Die Gesellen selbst tragen ein grünes mit weißen und blauen Federn geschmücktes Samtkäppchen, eine rote,silberbortierte Jacke, weiße Weste, kurze Beinkleider von schwarzem Manchester, darüber das gelbe Schurzfell, weiße Strümpfe und Schuhe mit silbernen Schnallen. Eine schwierige Aufgabe sodann fällt den beiden Neiffchwingern zu. Derjenige, den es eben trifft, seht nämlich auf einem hübschen Fasse — um welches ein Paar Gesellen nach der Musik das Anschlägen der Reife nachmachen — die vollen Weingläser auf die innere Seite des blauen und weißen Reifes frei hin und soll mit keinem das Anglück des Verschüttens oder Linauswersens haben, obwohl er den Reif mit größter Behendigkeit über den Kopf und durch die Beine schwingt, woraus das Glas nach dem Ausbringen des betreffenden Lebehoches rückwärts in das Innere des Kreises fliegt. Daß endlich zwei Spaßmacher sich mit dem Publikum, welches den Zug begleitet, auf erlaubte Weise unterhalten, versteht sich ziemlich von selbst. So ziehen sie zur Residenz, führen hier zuerst ihre fleißig eingeübten Reistänze — vorzugsweise sogenannte schottische — mit den vielfach sich verschlingenden und wieder lösenden Figuren aus und bringen aus das Lerrscherhaus die üblichen Lebehochrufe. Danu erneuern sie die Tänze an diesem und den folgenden Tagen vor den Wohnungen der übrigen Glieder des fürstlichen Laufes wie vor den Sitzen verschiedener Behörden und den Läufern von Privaten. Auch erinnern sich die Zuschauer wohl des hübschen Fäßchens, das beim Zuge mitgetragen wird, worauf ein kleiner Schäfflergeselle von Lolz sitzt, und das im Boden mit zwei Öffnungen versehen ist, woraus früher zwei Ähren herabhingen. Noch im Jahre 1802 spielte auch die „Gretel in der Butten" mit, ein Lustigmacher mit den vier Affen aus der gewöhnlichen Spielkarte auf seinem vierfach ausgeschlagenen Lute, welcher von einem ausgeschoppten alten Weibe gleichsam in der Butte auf dem Rücken getragen wurde und eine lange Wurst zur Neckerei des Trosses aus dem Volke in der Land hatte, unter dem Klange der Musik nach der noch öfter zu hörenden Melodie:
Gretel in der Butten,
Wieviel gibst denn Oar?
„Achte um ein' Batzen,
Und um ein' Kreuzer zwoa."
Ja, wenn du mir net mehrer' gibst.
Als achte um ein' Batzen
Und um ein' Kreuzer zwoa.
So pfeif' ich dir in d' Butten
Auf alle deine Oar.
Diese Maske soll daher gekommen sein, daß nach der überstandenen Pest ein Bauernweib mit Eiern in ihrerButte sich zuerst in die halbentvölkerte Stadt hereingetraut habe.
Der Metzgersprung wurde bis zum Jahre 1896 abgehalten; der Brauch schlief dann ein, doch wurden „Wiederbelebungsversuche" gemacht. Der Schäfflertanz findet noch alle sieben Jahre statt; man hat ihn für die Faschingszeit des Jahres 1935 wieder in Aussicht genommen.