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Parade auf dem Marsfelde

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 176)

Im August 1838 besuchte Kaiser Nikolaus von Russland München. Ihm zu Ehren fand am 18. August auf dem Marsfeld, das sich damals noch weit außerhalb der Stadt, auf der Gemeindeflur des Dorfes Neuhausen, unbebaut ausdehnte, eine „große Revue der hier garnisonierenden Truppen“ statt, über die „Der Bayerische Eilbote“, die damals vielgelesene Münchner Zeitung, in höfisch geschraubtem Stil folgendes berichtet:

Seine Majestät der Kaiser, in Begleitung Seiner Majestät des Königs, sämtlicher königlichen Prinzen, Seiner Hoheit des Herzogs von Nassau, Seiner Durchlaucht des Feldmarschalls Fürsten von Wrede und des ganzen sehr zahlreichen Generalstabes begaben sich schon um 9 Uhr auf das Marsfeld und verweilten daselbst bis 12 Uhr. Die sämtlichen Truppen, durch das bevorstehende Übungslager ganz vollzählig, zeichneten sich sowohl durch Properität als gute Haltung und treffliche Ausführung der einzelnen Bewegungen vorzüglich aus.

Ganz besonderes Interesse zeigten Seine Majestät für die Artillerie, als diese ihre Bewegungen vollführte. Die Schnelligkeit in allen Bewegungen und Wendungen, das rasche Zusammenwirken der Mannschaft war auch staunenerregend, und um sich aufs Genaueste von allem zu überzeugen, begaben sich Seine Majestät der Kaiser selbst, und zwar ganz allein, unter die Geschütze und ritten in allen Bewegungen mit.

Als aber die ganze Artillerie über einen vier Fuß breiten und drei Fuß tiefen Graben setzte, um die Trefflichkeit des seit kurzem bei der bayerischen Artillerie eingeführten neuen Systems zu beweisen, konnten sich Seine Majestät der Kaiser nicht enthalten, dem General Freiherrn von Zoller als dem Erfinder dieses Systems in Gegenwart aller höchsten und hohen Anwesenden ihre vollste Anerkennung seiner Verdienste zu erkennen zu geben.

Die Revue, von dem herrlichsten Wetter begünstigt, schloss mit dem Kavalleriemanöver der Kürassiere, wobei die Leichtigkeit, mit der die schwere Reiterei ihre Bewegungen ausführte, die besondere Zufriedenheit Seiner Majestät des Kaisers sich erwarb.

Eine zahllose Menschenmasse bedeckte die große Ebene des Marsfeldes, und nicht die Truppenübungen waren es, welche sie hier versammelt hatten, sondern die Neugierde, den mächtigen Beherrscher Russlands kennenzulernen. Und in der Tat, selbst die gespannteste Erwartung ward durch die Erscheinung der Wirklichkeit übertroffen.

Eine wahrhaft imponierende Gestalt stellte sich unseren Blicken dar. Welch ein Wuchs! Welcher Adel in den Zügen! Und diese schöne, freie, den tiefen Denker verratende Stirn, das große, vielversprechende, aber keine Leidenschaft verratende Auge, der hohe, würdevolle Ernst, der auf des Kaisers Antlitz ruhte – alles vereinigte sich zu einem herrlichen Bilde, auf dem mit Vergnügen das Auge des Beschauers weilte, selbst wenn es ihm unbemerkt geblieben wäre, mit welchem Anstand und welcher Grazie der kühne Reiter zu Pferd saß, so dass Mann und Ross nur eines zu sein schienen.