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Krippe und Heiliges Grab

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 185)

Ludwig Steub entwarf unter dem Titel „Aus der Fasten“ im März 1842 in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ folgendes Stimmungsbild über die katholischen Haus- und Kinderfreuden, die aus der Reihe der kirchlichen Feste erwuchsen:

Es liegt da in den verdunkelten Kirchen das verschleierte Bild des begrabenen Heilands in einer hellerleuchteten Tuffsteingrotte, welche mannigfaltiges Schauwerk umgibt: kniende Engel, schlafende Wächter und dergleichen. Oben darüber grünt der Ölberg, und hinter diesem prangt die gotische Stadt Jerusalem mit dem Münster Salomonis. Große Glaskugeln, mit farbigen Wassern gefüllt, hinter denen unsichtbare Lampen brennen, werfen seltsamen Schein auf die stillen Beter, die im Dunkel davor knien.

Die Auferstehung Christi, in kirchlichen Freuden gefeiert, schließt die Trauerwoche, und der Ostermorgen bringt uns geweihte Schinken und Ostereier. Der Ostermorgen ist aber auch der Schlussstein im Vierteljahr der katholischen Kinderfreuden, welches ehedem am St.-Nikolaustage begann, wo der gefürchtete und doch sehnlichst erwartete „Klas“ Nüsse, Äpfel und vergoldete Birkenreiser brachte, nun aber zu Weihnachten seinen Anfang nimmt, weil das holdselige Christkind den polternden Heiligen verdrängt hat.

An jenen Abenden steht auf der hiesigen Christkindeldult unter tausend Lichtern das Höchste, Schönste und Prächtigste aus, was sich die Kinder in ihr Paradies denken: alle Leckerbissen von Nürnberg, alle europäischen Armeen in Blei, rührige Hanswürste, halbgewachsene Puppen und unzählige andere Funkeleien. Und wenn dann der Christbaum abgeleert, so beginnen in den Kirchen und den frommen Bürgerhäusern die Krippenvorstellungen.

Die Szene derselben ist eine größere oder kleinere Brettertafel, in eine Kapelle oder an eine leere Zimmerwand gestellt und mit weichem Moos belegt, durch welches sich reinlich bekieste Pfade ziehen, während im Hintergrunde das Hochgebirge mit verfallenen Burgen und den Zedern vom Libanon aufragt. In diesen Krippen bringen die sinnigen Pfleger alle ihre poetischen Ideen plastisch an.

Da sind z. B. weite Wiesen mit weißen Lämmchen, mit jungen Schäfern und Schäferinnen, welche die Schalmei blasen, die man aber leider nicht hört. Im abgelegenen Gebirge oben sitzt ein Einsiedler in seiner Klause und liest im Evangelium. Fleißige Landleute pflügen das Feld oder beten ihren Morgensegen im Grase, während ihre Frauen vor den zierlichen Schweizerhäuschen die Butter rühren. Funkende Bettler stehen an den Wegen, und in den Bosketten zeigt sich halbversteckt das abenteuerlichste Gesindel.

Auch an Wasserkünsten fehlt es nicht: blitzende Kaskaden rieseln über Felsen, Mühlen klappern, Springbrunnen beleben die Gegend, und in dem Weiher schwimmen stolze Schwäne. Es ist schade, dass sich der Sinn für Landesverschönerung, der in den Krippen so kräftig waltet, unter Gottes freiem Himmel nur so spärlich bemerken lässt.

Ferner ist da wahrzunehmen, wie tief das Gefühl der Wiedergeburt Deutschlands bereits in die Herzen gedrungen ist, denn die materiellen Interessen treten auch in den Krippen mächtig auf. So sah man in einer derselben ein Dampfschiff in dem Schwanenteich vor Anker liegen, und eine Eisenbahn, aus welcher zu bestimmten Stunden ein langer Wagenzug dahinrollte, zog durch die ganze Breite der Gegend.

In diesen reizenden Umgebungen gehen nun die heiligen Geschichten vorüber: die Geburt des Heilands im halbverfallenen Stalle, die Anbetung der drei Könige aus dem Morgenlande – die schönste Vorstellung mit orientalischer Pracht, mit dichten Heerscharen von Schwarzen und Mamelucken, mit Kamelen und Elefanten – dann der bethlehemitische Kindermord usw. bis zur Hochzeit von Kana in Galiläa, die den Zyklus unter Musik und Tanz abschließt.

Kaum sind aber die leckeren Schüsseln des Brautmahles weggenommen, das Tischtuch abgehoben, die Gäste entfernt und der Speisesaal samt der ganzen Gegend abgebrochen, so ist die Karwoche herangekommen, und nun werden die heiligen Gräber aufgeschlagen.

Sind jene in den Kirchen groß und prunkvoll, so sind die in den Häusern klein und heimlich und oft voll lieblicher Eigentümlichkeiten, mit denen sie die kindliche Phantasie ausgeziert. Wenn aber Christus am Auferstehungsmorgen in der Strahlenkrone, mit dem roten Fähnlein und dem roten Mantel auf dem Grabdeckel steht, dann hat er auch schon das Zeichen gegeben, dass die schöne Zeit der katholischen Kinderfreuden vorübergegangen; dann werden auch bald die heiligen Gräber aufgehoben, zu dem Krippenzeug in die Truhen gelegt und auf den Speicher gestellt, um dort zu ruhen bis zum nächsten Weihnachten.

Die Münchener waren von jeher Krippenfreunde und sind es geblieben; es gibt sogar einen großen Verein, der diese Interessen fördert. Berühmt war einst die Krippe in dem benachbarten Dorfe Haching, bei der viele Automaten und mechanische Werke mit Wasserkraft angetrieben wurden. Handwerker, Gewerbe, Bauarbeit wurden so „im Betrieb“ gezeigt. Daher stammt der auf buntscheckigen, lauten Betrieb gemünzte, heute noch gebräuchliche Vergleich:

„Da geht’s zu wie im Hachinger Kripperl!“