Zum Inhalt springen
Menü

Die Fronleichnamsprozession

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 189)

Aus Lewalds „Panorama von München“ (1835)

Früh am Morgen weckten mich die Glocken, die von allen Türmen und Türmchen tönten; dazwischen schallten die munteren Märsche der ausrückenden Truppen. Es ist ein herrliches Wetter; mein Blick schweift über das Panorama der Stadt hin zu den blauen Bergen, die zwischen den mächtigen schwarzen Frauentürmen und der prächtigen Kuppel der Theatinerkirche schneebedeckt hervorlugen, und auch das glänzende Haupt der zehntausend Fuß hohen Zugspitze gewahre ich deutlich, rechts von dem hohen Chor der Hofkirche zum heiligen Michael.

Schon aus der Ferne betrachtet hat mir alles ein so festliches Aussehen – selbst das Leblose. Alles ist geputzt und gescheuert. Durch die geöffneten Fenster sieht man in wohlgeordnete Zimmer; vor der Mutter Gottes und den Heiligen prangen Blumen in zierlichen Gefäßen; die Straßen säumt ein Hain junger Birken, Erlen und anderer schlanker und leicht belaubter Holzarten.

Die Einwohner ziehen geputzt, doch eilfertig, als gälte es ein Geschäft, zur Stadt. Von der schlichten Bürgerfrau in der runden Mütze vom feinsten Fischotterfell bis zur Dame und dem Fräulein in Shawl und Strohhut sieht man alles die entlegenen Viertel verlassen und jenen Straßen und Plätzen zueilen, durch welche die Prozession, hier „der große Antlaß“ genannt, vorüberzieht, und wo die Evangelien unter freiem Himmel gelesen werden.

Und noch ist es sehr früh am Tage, erst sieben Uhr. In Hamburg sind noch die Häuser der Reichen geschlossen, und in denen der Unbemittelten erhebt sich erst die Magd vom Lager. In München stehen Bürgersfrauen gern um fünf Uhr auf.

Am Ende der Ludwigstraße, dort wo das Portal in die Arkaden des Bazars führt, halten Kürassiere unter lustigem Trompetenschall. Von hier aus erstreckt sich nun das Militär, Spalier machend, und die unabsehbare Menschenmenge, still und freundlich hin und her gehend oder auf festen Standpunkten von Erhöhungen oder Fenstern die Festlichkeit erwartend.

In allen Häusern, die an den Straßen des Umzugs liegen, gibt es Gäste, geladene und ungeladene, und überall steht ein Frühstück bereit, wobei das beliebte Getränk „der Bock“ nicht fehlen darf, selbst dann nicht, wenn die feinsten Frühstücksweine und gaumenkitzelnde Delikatessen die Tafel zieren.

Die schmausenden Gäste schauen zu den Fenstern hinaus, indes die reichlich aufgestellten Musikchöre abwechselnd bald Symphonien, Märsche und Opernarien hören lassen, was zu den sich in kleinen Zügen ordnenden Schulen, Brüderschaften und Zünften einen seltsamen, fast komischen Kontrast bildet.

In den Straßen liegen Dielen, die mit Blättern und Blumen bestreut werden. Ein hohles Gepolter verkündet, daß sich Teile des großen Zuges darauf nähern. Es sind die Brüderschaften. Alte arme Bürger in Kleidern, die vor vielen Jahren für Größere oder Kleinere, Dickere oder Dünnere gemacht wurden, mit einem altfränkischen Degen am Bandelier, einem Hut mit drei Spitzen, woran Kokarde und Plume prangen, schief aufgesetzt, mit einer seidenen, verschossenen Schärpe um den Leib – dies sind die Panierträger.

Sie tragen nämlich hohe, mächtige Paniere von Gold oder anderen Stoffen, mit Bildern und Stickereien und verschiedenen Emblemen vor sich und schwanken dabei, von der Wucht der langen Stange und der im Winde flatternden Fahne hin und her gerissen, wie Betrunkene von einer Seite zur anderen.

Hinter ihnen geht ein bald größerer, bald kleinerer Haufen alter Männer, andächtig mit Buch und Rosenkranz, die heilige Mutter Gottes anflehend. Von Geistlichen mit Fahnen geführt und von ihren Lehrern begleitet, folgen die Schulen.

Lieblich sehen die Mädchen aus. Alle mit blendend weißen Kleidern, mit blauen Schärpen, Tüchern und Schleifen in den Haaren, die größeren in Riegelhäubchen von strahlendem Silber und mit niedergeschlagenen Augen die Worte des Gebetes in ihren Büchern suchend, während die schwirrenden Volkswogen, die plaudernden Soldaten, die sprengenden Offiziere und die betäubende Militärmusik sie der Andacht abwendig machen wollen.

Man trägt festlich geschmückte Altäre und den ganzen Apparat herbei, um sie an gewissen Plätzen, wo das Evangelium gelesen werden soll, aufzustellen und von der Masse des zuströmenden Volkes absondern zu können. Schöner gekleidete Jungfrauen, große, von Blumen strotzende, zierliche Körbe tragend, folgen den Altären, um der siegenden Kirche ein reiches Blumenopfer zu bringen.

Die Siegerin zieht indes einher, nicht in Demut; kein Triumphator hat sich jemals eines solchen Siegeszuges erfreut. Die erste Jugend, der gekrümmte Greis schließen sich freudig an. Auf Blumen schreitet der Fuß, der Krieger senkt die Fahnen, während jene der Kirche hoch in der Luft wallen. Immer dichter erscheinen die Fahnen, immer ernster werden die Klänge; ein leichter Weihrauchduft haucht uns an.

Die ehrsamen Zünfte erscheinen nun. Die Zeichen und Standarten in altertümlicher Pracht vor sich her, wohl auch Insignien mit kunstreicher, mechanischer Einrichtung und mit Kerzen und Blumengewinden überreich verziert, nahen die zünftigen Handwerker, zum Teil elegant und modern gekleidet.

Die Prozession wird ernster, würdiger, feierlicher. Man vernimmt Chorgesang; der Weihrauchduft verdickt sich; von Ferne blickt man die Straße hinab wie in einen ausgeflaggten Hafen, nur ungleich prächtiger.

Einige Reihen Linientruppen in Schlachtordnung marschieren auf. Franziskaner folgen in Meßgewändern und in Kutten, vor sich her das heilige Kreuz in einen Wald von herrlichen Blumen getaucht und mit einer reizenden Decke behängt, die an beiden Enden wie ein Baldachin getragen wird.

Mönche mit bleichen Gesichtern, geschorenen Köpfen, die hageren Hälse aus den weiten Kapuzen gereckt, barfuß, elende Bettler – und alles beugt sich vor ihnen! Es ist der Zug der siegenden Kirche.

Jetzt nahen die barmherzigen Schwestern in ihrer faltigen, schweren Nonnentracht. Die sechs jungen hübschen Mädchen in weißen Kleidern sind jene Novizen, die vor wenigen Monaten erst eingekleidet wurden.

Hofbediente in Gala, angeführt von einem Oberfourier mit dem Stabe; Pauker und Trompeter; die Hofsänger im Chorhemde, Noten in der Hand, auf der Straße singend. Diese Abteilung des Zuges erregt bei den Zuschauern Heiterkeit. Die Bekannten wechseln Blicke und Grüße, selbst die Damen in den Fenstern nicken vertraut, man lacht einander zu.

Es sind Baier, Pellegrini, all unsere Lieblinge; die Andacht ist fort, wir denken an Rossinis „Tell“, der diesen Abend gegeben wird. Selbst die Konversation nimmt ihren Lauf dahin.

Die höhere Geistlichkeit lässt sich blicken; die Weihrauchwolken, die schon sichtbar werden, ziehen unsere ganze Aufmerksamkeit wieder auf das Fest. Das Domkapitel im violetten Ornat, der Weihbischof mit dem Hirtenstabe wandeln vorüber.

Die prachtvollsten Gewänder des Kirchenschatzes sieht man prangen, und die ausdrucksvollen, zum Teile greisen Köpfe der Prälaten nehmen sich wunderbar genug aus.

Plötzlich hält der Zug. Er kehrt um – er kniet. Alles entblößt die Häupter – das Militär legt die Hand an die Kopfbedeckung und senkt den Blick zur Erde – ein allgemeines Gebet.

Von jener Straßenecke her, wo die Rauchfässer hoch geschwungen werden, strömt ein feierlicher Chor aus den wirbelnden Weihrauchwolken zum Himmel; ein Baldachin hält – ein gebeugter Greis tritt zum bereiteten Tische des Herrn, in zitternden Händen die Monstranz emporhaltend – es ist der Erzbischof von München-Freising.

Das erste Evangelium wird gelesen. Alles harrt in Andacht versunken.

Plötzlich werden Kanonen gelöst, die türkische Trommel erschallt, ein feuriger Kriegermarsch ertönt, die Waffen werden präsentiert, der Zug setzt sich wieder in Bewegung; die Köpfe bleiben unbedeckt.

Der Zug ist vorüber; die Musik währt fort. Ruhige Spaziergänger füllen die mit Dielen belegte Straße und treten auf jene Blumen, welche der siegenden Kirche gestreut wurden. Mit dem Zuge ist selbst in den Gemütern der Frömmsten die Andacht verschwunden. Man mustert Gesichter und Toiletten oder lässt sie an sich mustern, man freut sich auf festliche Mahlzeiten, auf Fahrten ins Freie, auf die Oper, die trotz des schönsten Wetters Anziehungskraft genug besitzt.

Der Zug ist nun in anderen Quartieren der Stadt – man sieht und hört nichts mehr davon. Aber die Menschen ziehen noch immer hin und her, die Truppen halten in den Straßen, und die Musik spielt abwechselnd immerwährend fort.

Endlich schweigen Glocken und Musik. Equipagen durchrollen in allen Richtungen die Straßen der Stadt, um die Würdenträger und Hofbeamten, von der unwillkommenen Morgenpromenade ermüdet, nach Hause zu bringen; der Generalmarsch erschallt, es ist der König, der in die Residenz fährt.

Die Menge verläuft sich, alle Fiaker werden in Beschlag genommen, um in die Gegend auszufliegen.

In dem protestantischen Norddeutschen erregt das Fest ein seltsames Gefühl. Manches dabei macht einen feierlich erhebenden Eindruck; das Ganze erregt eine freudige Stimmung.

Eine junge Schauspielerin aus der Fremde, die dies alles zum ersten Male sah, konnte sich nicht erwehren, an Schillers „Jungfrau von Orleans“ zu denken; ein Berliner Doktor ärgerte sich, daß der Zug nicht auch durch seine Straße ging, da es doch für das Publikum wäre. Ein anderer hatte alles verschlafen und sagte:

„In Berlin würde so etwas stets durch die öffentlichen Blätter bekannt gemacht!“