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Hebbels Abschied von München

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 197)

Friedrich Hebbel (1813–1863), der vom Herbst 1836 bis 1839 in München studierte und hier die Anregung zu seinem Drama „Maria Magdalene“ erhielt, vertraute seinem Tagebuch folgende Sätze an:

6. März 1839.

Jetzt geht’s ans Abschiednehmen. Gestern war ich zum letztenmal in der Pinakothek, heute in der Leuchtenbergschen Galerie und in der Glyptothek. Es wird mir doch in Hamburg eine große Entbehrung sein, daß ich dort nirgends schöne Gemälde und Bildwerke sehen kann. Welch ein Genuß, in diesen prachtvollen Sälen umherzuwandeln und sich in den Geist der fernen Zeiten und Schulen mit dem vollen Gefühl der frischen, anders gestalteten Gegenwart zu versenken! Gerade die Kunst ist es, die das Leben erweitert, die es dem beschränkten Individuum vergönnt, sich in das Fremde und Unerreichbare zu verlieren; dies ist ihre herrlichste Wirkung …

10. März.

Gestern abend ging ich einmal wieder in das Haberedersche Kaffeehaus am Englischen Garten, das ich und Rousseau im vorigen Winter jeden Abend zu besuchen pflegten. Ich setzte mich an den Tisch, wo wir gewöhnlich saßen, und ließ mir ein Glas Bier geben, um es auf sein Andenken zu leeren.

„Leben Sie auch noch?“, sagte der kleine Wirt, den wir immer den Kobold nannten.

Das Zimmer war verändert; die Tochter war lang in die Höhe geschossen; die Gäste waren dieselben. Offiziere, die Karten und Billard spielten, ein Graf darunter, der sich dadurch amüsierte, daß er seine Kameraden zuweilen in die Lenden kniff. Bauern im anderen Zimmer, darunter der krausköpfige Geschichtsforscher, der über Karl den Großen sprach. Eilbote, Landbote, Tageblatt. Gang nach Hause, Arm in Arm, dem Sturm und Schnee entgegen. Abends Kartoffelessen oder Pfannkuchen.

O, wie süß sind die Schmerzen des Abschieds! Wer könnte scheiden, wenn sie nicht wären! Das Herzblut schießt hervor; wir glauben in Wehmut zu zerfließen; uns ist, als sollten wir sterben, und so geht’s fort. Fort!

Mittags.

Als ich ankam in München, hatte ich gleich vorm Tor Gelegenheit, ein Paar Stiefel zu erhandeln, die ich notwendig brauchte. Ich nahm dies für ein günstiges Zeichen und habe mich nicht getäuscht. Freilich habe ich in München viel verloren, aber ich habe darin doch auch viel besessen.

Heute morgen dachte ich: Die erste Person, die dir, wenn du ausgehst, begegnet, soll dir Glück oder Unglück bedeuten. Ich hatte dies ganz vergessen, als ich fortging. Bei der protestantischen Kirche stieg gerade, wie ich vorüberging, die Königin aus dem Wagen; da fiel es mir wieder ein. Die zweite Person, die mir auffiel (und diese könne doch nur gelten), war der Prinz. Also – Glück! Denn diese Personen, die so glücklich sind, können doch unmöglich Unglück verkündigen.

Dazu, um mich ganz selig zu machen, ward mir noch einmal die Wonne, zu dichten. Ich machte einen Spaziergang – den letzten – im Englischen Garten; da entstand in bezug auf das erste ein zweites Scheidelied:

Das ist ein eitles Wähnen,
Sei nicht so selig, mein Herz!
Gib redlich Tränen um Tränen,
Nimm tapfer Schmerz um Schmerz!
Ich will dich weinen sehen,
Zum ersten und letztenmal;
Will selbst nicht widerstehen,
Da löscht sich Qual in Qual.
In diesem bittren Leiden
Lab’ ich nur darum Mut,
Nur darum Kraft zum Scheiden,
Weil es so weh uns tut!

Dann stieg ich den Monopteros hinan und übersah noch einmal den großen Garten und die Stadt. Ich habe dort gebetet um Segen für München, das mich in seinem Schoß so freundlich aufnahm, und um Segen für mich selbst.

„Mach’ etwas aus meinem Leben“, rief ich aus, „es sei, was es sei!“

Auch für meine liebe Beppi habe ich den Segen des Himmels herabgerufen. Und, da dieses Blatt doch beschlossen werden muß: warum soll ich es nicht mit ihrem Namen beschließen?

 

Am 11. März 1839 verließ Hebbel München. Unterwegs schrieb er sein Reisejournal „Von München nach Hamburg“ mit der Bleifeder; vier Jahre später trug er es in Kopenhagen in sein Tagebuch ein. Das Journal beginnt mit den Sätzen:

Bei sehr schönem Frostwetter, morgens um sechs Uhr ging ich am 11. März aus München. Beppi trug mir mein Ränzchen bis ans Ende der Ludwigstraße, dort nahm ich es selbst auf den Rücken. Einen Torzettel, den ich mir tags zuvor mit vieler Mühe besorgt, brauchte ich nicht. Dies erregte mir eigentlich ein unangenehmes Gefühl; man mag nichts umsonst tun.

Beppi begleitete mich über zwei Stunden; in einer Bauernschenke, die einsam im Walde stand, der sogenannten Kalten Herberge, tranken wir das letzte Glas Bier zusammen. Dann schieden wir unter unendlichen Tränen …

Beppi Schwarz, das Münchner „Verhältnis“ Hebbels, ist das Urbild der Klara in Maria Magdalene; ihr Vater, wie Meister Anton ein Schreiner, und ihr Bruder Karl, der der Familie viel Sorgen bereitete, dienten als Vorbilder für die entsprechenden Gestalten des Dramas.

Die Herzoglich Leuchtenbergische Galerie gründete Eugen Beauharnais, der Schwiegersohn Max I. Josephs, späterer Herzog von Leuchtenberg, und stellte sie in seinem Palais am Odeonsplatz in zwei dem allgemeinen Besuch geöffneten Sälen auf. Sie vereinigte u. a. Werke von D. Quaglio, A. Adam, Wagenbauer, Warnberger, Peter Heß, Wilhelm Kobell, Dillis, Heideck, Dörner, dann von Italienern des Cinquecento und Seicento. Die Galerie wurde, als die Leuchtenbergische Familie nach Rußland übersiedelte, dorthin verbracht und ist verschollen.

Emil Rousseau, Hebbels Freund in Heidelberg und München, stammte aus Ansbach. – Eilbote, Landbote, Tageblatt: drei der damals gelesensten Zeitungen. Daneben erschienen „Die Bayerische Landbotin“, „Bayerische Nationalzeitung“, „Volksfreund“, „Bazar“, „Lesefrüchte“ usw.