Der grüne Heinrich in München
Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 200)
Gottfried Keller (1819–1890) kam im Mai 1840 nach München, um Maler zu werden. Er bezog die Akademie, aber sein Werben um die bildende Kunst blieb ohne Erfolg. In seinem großen Lebensroman „Der grüne Heinrich“ hat er seine Münchner Eindrücke und Erlebnisse, u. a. auch das Albrecht-Dürer-Fest von 1840, in freier Vermischung von Wahrheit und Dichtung verwertet. Dort steht auch diese Münchner Impression:
Mit dem Sonnenuntergange des zweiten Tages erreichte ich das Ziel meiner Reise, die große Hauptstadt, welche mit ihren Steinmassen und großen Baumgruppen auf einer weiten Ebene sich dehnte. Meinen verhüllten Totenkopf in der Hand, suchte ich bald das notierte Wirtshaus und durchwanderte so einen guten Teil der Stadt.
Da glühten im letzten Abendscheine griechische Giebelfelder und gotische Türme; Säulenreihen tauchten ihre geschmückten Häupter noch in den Rosenglanz; helle gegossene Erzbildwerke, funkelneu, schimmerten aus dem Helldunkel der Dämmerung, wie wenn sie noch das warme Tageslicht von sich gäben, indessen bemalte offene Hallen schon durch Laternenlicht erleuchtet waren und von geputzten Leuten begangen wurden.
Steinbilder ragten in langen Reihen von hohen Zinnen in die dunkelblaue Luft; Paläste, Theater, Kirchen bildeten große Gesamtbilder in allen möglichen Bauarten, neu und glänzend, und wechselten mit dunklen Massen geschwärzter Kuppeln und Dächer der Rats- und Bürgerhäuser.
Aus Kirchen und mächtigen Schenkhäusern erscholl Musik, Geläute, Orgel- und Harfenspiel; aus mystisch verzierten Kapellentüren drangen Weihrauchwolken auf die Gasse; schöne und fratzenhafte Künstlergestalten gingen scharenweise vorüber, Studenten in verschnürten Röcken und silbergestickten Mützen kamen daher, gepanzerte Reiter mit glänzenden Stahlhelmen ritten gemächlich und stolz auf ihre Nachtwache, während Kurtisanen mit blanken Schultern nach erhellten Tanzsälen zogen, von denen Pauken und Trompeten herabtönten.
Alte, dicke Weiber verbeugten sich vor dünnen, schwarzen Priestern, die zahlreich umhergingen; in offenen Hausfluren dagegen saßen wohlgenährte Bürger hinter gebratenen jungen Gänsen und mächtigen Krügen; Wagen mit Mohren und Jägern fuhren vorbei.
Kurz, ich hatte genug zu sehen, wohin ich kam, und wurde darüber so müde, daß ich froh war, als ich endlich in dem mir angewiesenen Zimmer des Gasthofes Mantel und Totenkopf ablegen konnte.
In einem Briefe an seine Mutter, datiert vom 18. Mai 1840, faßt Keller seinen Eindruck von München und den Münchnern in die Sätze:
Ich befinde mich sehr wohl hier; man kann über die Straße gehen, ohne daß man von allen Seiten begafft oder für stolz ausgeschrien wird. Kein Mensch achtet auf den andern; alles geht bunt durcheinander; kommt man aber mit den Leuten in Berührung, so sind sie höflich und gefällig, nur die Weibsbilder von der bürgerlichen Klasse sind ungemein roh.
Sie fluchen und schimpfen wie bei uns die Stallknechte und sitzen alle Abend in der Kneipe und saufen Bier. Sogar die nobelsten Damen gehen ins Kaffeehaus und trinken da – nicht Kaffee, sondern so zum Spaß eine Maß Bier bis zwei.
In Kellers „Schreibbuch“ findet man, eingetragen im Jahre 1843, den Beginn eines Sonetts, das – ganz anders als die Impression im „Grünen Heinrich“ – recht unwirsch gewisse Münchner Beobachtungen in die summarischen Verse zusammenpackt:
Ein liederliches, sittenloses Nest
voll Fanatismus, Grobheit, Kälbertreiber,
voll Heiligenbilder, Knödel, Radiweiber.