Zum Inhalt springen
Menü

Münchner Originale

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 203)

In Fernau-Daxenbergers „Münchner Hundert und Eins“ steht zu lesen:

Ramlo, Finessensepperl und Prangerl dauern im Andenken der Hauptstadt fort. Ramlo war ein gottesfürchtiger Musikus, der die Viola in dem königlichen Hoforchester spielte und auf der Straße, stets seine Geige im Arm, mit weiß gepuderten Haaren und dreieckigem Hütchen, in der Rechten ein schönes spanisches Rohr, noch im zweiten Zehnt dieses Jahrhunderts zu sehen war. Dabei grüßte er alle Leute und besonders alle Kinder auf die zuvorkommendste Weise.

Seine sanfte Sinnesart führte ihn gern in die Peterskirche oder gar auf den Gasteigberg zu jenem Christus am Kreuze, an dessen Fuße die nahen Wellen der Isar sein murmelndes Gebet durchrauschten. Leider ist es dem frommen Ramlo nicht so gut geworden wie jenem heiligen Musikanten, der unter dem Kruzifix spielte, dessen Herrgott an den Füßen goldene Schuhe trug und dem Armen zuliebe einen fallen ließ.

Diese zierlichen Exemplare von Menschen, wie Ramlo einer der letzten war, sind in München ausgestorben; ebenso die Hofnarren wie Prangerl. Mit dem Kurfürstentum in Bayern wurde auch ihre Herrschaft begraben. Prangerl war der Lustigmacher des Hofes. Sein Witz war zotig, schonungslos.

Die „gute Stadt München“ hatte ein ganz anderes Gepräge als die „Königliche Haupt- und Residenzstadt“. Zu jener Zeit, da Prangerl lebte, konnte man noch satirisch sein. Prangerl war kein Zwerg, aber auch weit von einem Riesen; auch er ging immer mit einem Stock in der Hand, den mancher Gassenjunge zu fühlen bekam.

Die derben Anekdoten, die von ihm noch in der Überlieferung des Münchner Volkes leben, haben den Geist Till Eulenspiegels, und Prangerl sowie seines Gebieters kurfürstliche Durchlaucht konnten herzlich lachen, wenn er jemanden geprellt hatte. Raimund hat ein bekanntes Stück geschrieben: „Die Insel der Wahrheit“; Hofnarren können wahrlich Oasen der Wahrheit genannt werden. Auch Prangerl hatte diesen Vorzug; doch die Freiheit, die in diesem gnädigen Vorrechte lag, gedieh bei ihm einigemale bis zur Unverschämtheit, der Ungnade folgte.

Wer aber, der hier eine Generation gelebt, kannte nicht jenes dürre Männlein, das zu jeder Stunde des Tages ein Täfelchen unterm Arme trug, das jedem Vorübergehenden mit verschmitzt-freundlich lächelnder Miene ein „Grüß di Gott“ leise zurief?

Der König und der Bettler haben Finessensepperl wohl gekannt. Er war bis in die zwanziger Jahre unserer Zeit hinein der populärste Mann in München. Nun ruht auch er unter der Erde. Ruht er? Nein, ich weiß es: sein Skelett ist in der Anatomie aufgestellt; denn der kleine Mann hatte eine Rippe mehr als andere Menschen.

Finessensepperl war der postilion d’amour Münchens. Er hatte in allen Häusern Zutritt; er war schlau und schien das Gegenteil zu sein. Er konnte nicht lesen und schreiben und verstand sich doch darin. Er hatte selbst geliebt; seine beständige Liebe war eine Törin, welche die „rote Nanni“ hieß und der die Buben oft schreiend nachliefen.

Nannerl und Sepperl sind nun einmal die Grundheiligen der Isarstadt. Freilich fangen auch sie an, mehr zu verschwinden. War einer dieser Namenstage, so waren beide mit Blumensträußen geschmückt, gingen stolz in allen Straßen umher und ließen sich gratulieren.

Finessensepperl bettelte nicht; allein seine Miene drückte hinlänglich aus, was er nicht sagte, und reichlich flossen ihm die Gaben zu. Es gibt keinen öffentlichen Charakter dieser Art in München mehr. Unsere Zeit verwischt das Eigentümliche.

Einen vierten könnte ich jenem Dreiblatt wohl beifügen, den bekannten „Professor der unentdeckten Wissenschaften“. Er hieß Wilhelmi, der unermüdlichste Theaterbesucher, immer an demselben Platz; er wurde viel mißhandelt und war unausstehlich.

Von weiteren Münchner „Originalen“ spricht Franz Trautmann in seinem Plauderbüchlein „Im Münchner Hofgarten“:

Nicht hinsichtlich seiner Streiche, sondern gelegentlichen Hofgartenbesuches hatte der Finessensepperl um ein paar Jahrzehnte später einen Nachahmer, den bekannten „ewigen Hochzeiter“, welcher, so beschränkt seine Verhältnisse waren, immer einen frischen Blumenstrauß in der Rechten trug.

Dabei hielt er mit dem Hinschreiten manches Mal ein – nämlich, wenn ihn eine Damengestalt besonders anzog – und machte Miene, den Strauß darzubieten. Was er aber immer wieder unterließ, so daß man nie erfuhr, welches weibliche Wesen er denn seiner vollen Ergebenheit würdig gehalten habe.

Wer noch zu nennen? Ja, später der soi-disant „Baron Sulzbeck“, der mit seiner großen Baßgeige, auf welcher er den Lärm der Schlachten bei Leipzig und Waterloo vorzutragen wußte, zwar nie im Hofgarten tätig wurde, aber unweit davon, weshalb man ihn wenigstens in hochbreitem Leibwuchs durchschreiten sah. Dies geschah bekanntlich bis in das fünfte Dezennium hinein, trotzdem der Schlachtlärm nie abnahm, vielmehr stets gewaltiger wurde.

Noch jemand zu nennen – trabte er doch oft am Hofgarten vorüber!

Es war der hochgeschossene, ehrenhaftest gesinnte Bürger und Pferdeverleiher, dessen deutschen Namen ein maliziöser Herr, zum ärgsten Groll des Inhabers, gallisierte und in „Monsieur de Krainquele“ verwandelte.

Krainquele war der Mann, für welchen „Salonsprache“ das überflüssigste, das „hippologische“ aber von höchstem Werte war.

F. E. Krenkl, Lohnkutscher und Pferdehändler, ungemein beliebt in München, machte sich um die Oktoberfest-Pferderennen verdient.

Ein Stadtoriginal war in gewissem Sinne auch der Journalist Moritz Saphir (1795–1858) (eigentlich hieß er Jaffé), dessen Gazetten mit seinen Humoralbriefen und witzigen Vorlesungen, die meistens im schönen Saal der Gesellschaft „Museum“ stattfanden, nicht weniger Stadtgespräch waren als seine spöttischen Angriffe auf das Hoftheater, seine Scherze mit König Ludwig I. und seine Taufe (er war Jude) in der protestantischen Matthäuskirche.

Schließlich wurde Saphir mit dem Titel eines Hoftheaterintendanzrates begnadet. Von da an schwieg er, verließ aber auch bald München (1835).