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Ein Ringkampf im Münchener Hoftheater

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 206)

Der Ringkampf, der am 14. Januar 1841 zwischen dem starken Jean Dupuis und dem Hausknecht Simmerl vom Faberbräu im Münchner Hoftheater ausgetragen wurde, erregte so ungeheures Aufsehen, daß etwa zwanzig Lithographien und Flugblätter darüber erschienen. Von den zeitgenössischen Autoren berichtet Johann Nepomuk Sepp:

Als der französische Minister Thiers 1840 die Deutschen mit Krieg überziehen wollte, kam ihr stärkster Ringer gleichsam zur Probe ihrer Überlegenheit über den Rhein, ein Mann von herkulischer Gestalt, um sich in Kassel, Berlin, Dresden und anderen Hauptstädten mit den stärksten Deutschen zu messen, und er überwand sie allenthalben: der Schrecken wandelte vor ihm her.

So gelangte er schließlich nach München, schrieb sich Jean Dupuis und setzte einen Preis von nahe tausend Gulden aus, wenn ein Stärkerer auftrete als er. Der Schimpf brachte alle stämmigen Burschen auf; der Fechtmeister Gruber gab einigen Unterricht, und so sollte auf der ersten Schaubühne des Landes das Ringen vor sich gehen. Kopf stand an Kopf; es galt eine Ehrensache für das ganze Volk.

Der Vorhang rollt auf; der Sieger in so vielen Kämpfen steht da; für einen antiken Helden gebaut, den Oberkörper weit vorgestreckt, einen Gürtel um die Hüfte, und nur an den Armen zu fassen.

Der erste, der angesichts all der Tausende zum ungewohnten Wettkampf ihm entgegentritt, ist ein junger Metzgerbursche, Johann Ebner, nicht groß von Statur, aber untersetzt. Solch eine Pause muß im römischen Amphitheater bei Gladiatorenkämpfen oder Tierhetzen eingetreten sein, wo die Gegner sich erst mit den Augen maßen, Löwen und Tiger umeinander herumgingen, um eine schwache Seite ausfindig zu machen und dann zu Sprung oder Angriff überzugehen.

Alles blickte stumm in die Szene; den Zuschauern pochte das Herz.

Da begannen sich beide, der Bayer und der Franzose, an den Händen zu fassen, hin und her zu schieben, ein Stoß, ein Ansturm, ungeheure Muskelkraft wurde von beiden Seiten aufgeboten. Der verwöhnte Sieger hatte sich den Kampf wohl leichter vorgestellt.

Das Volk atmete hoffnungsvoll auf; Zornwut schien den jungen Menschen zu erfassen, dem sein Widersacher am kolossalen Körper überlegen war — auf einmal stürzte der Franzose aufs Knie. Ein Beifallsklatschen begann; aber, ohne Übung, übersah der sehnige Junge den Vorteil, den Franzmann zu drehen, und wurde nun, seinerseits überrascht, zu Boden gelegt.

In diesem Augenblick fühlte jeder sich an seiner nationalen Ehre gepackt. Wie? Eine Niederlage? Unmöglich!

Schon stand der Rächer dem triumphierenden Welschen gegenüber: Simon Meisinger, Bierführer des Faberbräu, und das will etwas sagen. Die englischen und amerikanischen Boxer pflegen auch ihr Quantum zu trinken, und der Pschorrbräu erwartete, daß jeder Mann, den er zum Geschäfte brauchte, seine fünfzehn, wo nicht dreißig Maß täglich schluckte. So einer ist imstande, die Eimerfässer ohne Leiter durch alleinige Kraft der Arme vom Wagen zu heben.

Der Mann, der sich alsbald mit Riesenkraft auf den Franzosen warf, war um einen halben Fuß größer als sein Vorgänger, knochenstark, eine robuste Statur.

Er hatte während des Ringens der beiden die Stärke, aber auch die Schwäche dem welschen Feinde abgelauscht, welche im Unterkörper und Fußgestell bestand. Ihm galt es, diesen Antäus zu entwurzeln, und kaum gehoben, mußte er fallen.

Man muß es gesehen haben, mit welcher Berserkerwut dieser Altbayer sich an den übermütigen Welschen machte, treu seinem im letzten Augenblicke gegebenen Worte: „Fallen muß er um jeden Preis!“

Wie ein Bär schlug er seine Pranken ihm an die Ellenbogen; die Aufregung der Zuschauer war furchtbar, alle hoben sich von ihren Sitzen, als ob es Ehre und Leben jedes einzelnen gelte. Aus dem Schlachtfelde könnte die Spannung nicht höher steigen. Sollten beide sich erwürgen?

Mann an Mann waren sie fest geklammert; nur stahlfeste Knochen ertragen einen solchen Druck.

Unversehens faßte der Bayer seinen Gegner, und nun war es um diesen geschehen; augenblicklich war er zu Boden geschmettert, und der Sieger stemmte sein Knie ihm aus dem Leib.

„Hab ich dich jetzt, du Lauser!“ soll er dabei gerufen haben; aber das Haus erbebte vor Sturm; als hätten die Deutschen eine Schlacht über die Franzosen gewonnen, so war die Entscheidung.

Kaum aus dem Theater, so hörte man schon trällern:

Mag einer rebellieren, wie er will,
Doch kommt er nach Bayern, so sei er still!

Des anderen Tages war die halbe Stadt in Bewegung, den Sieger zu ehren; der beschämte Franzose wollte der Pflicht, den Wettpreis zu zahlen, sich entziehen, wurde aber gerichtlich dazu verurteilt.