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Auf der Münchener Akademie der Künste

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 225)

Reinhart Sebastian Zimmermann (1815—1893), der Stammvater einer fruchtbaren Künstlerfamilie, hat in seiner Selbstbiographie „Erinnerungen eines alten Malers" folgende Eindrücke vom Leben der jungen Münchner Künstler in den 1840 er Jahren festgehalten:

Man macht sich kaum einen Begriff, was für junges Volk sich damals auf der Akademie Herumtrieb, nicht etwa aus Eifer, etwas zu lernen, sondern hauptsächlich, um sich zu amüsieren. Die Akademie war ein Rendezvous für eine große Menge jugendlicher Müßiggänger, welche nur bei schlechtem Wetter oder etwa an bösen Wintertagen hier, bei gutem Wetter aber viel eher an der Isar auswärts, in der Menterschwaige, in Lesselohe und Pullach, zu treffen waren. Diese Tage waren für diejenigen, die arbeiten wollten, wohl die schönsten. Ich konnte nicht begreifen, wie man so ohne Wahl beinahe jeden, der sich meldete, aufnahm. Da kamen, wie in einer Versorgungsanstalt, Anglückliche aller Art, Taubstumme und sonst Anzurechnungsfähige, als könnten alle, welche nirgends zu gebrauchen und allen Schulen entlaufen waren, immer noch wenigstens Maler werden, noch dazu ohne einen Funken von Talent.

Jene streng historische Zeit war überhaupt eine merkwürdige. Man hörte viel von Streben, Kompositionen und Konturen sprechen, aber von unserer herrlichen Galerie war selten die Rede, als müßte man die Kunst erst erfinden, nicht als wäre sie schon in glänzendster Weise durch die besten alten Meister vertreten. Aus der anderen Seite wurde dann wieder alle fingerslang bald dieser, bald ein anderer der alten Meister zitiert, aber niemals, soviel ich mich erinnere, in der Art, als sollte es unsere heiligste Pflicht sein, es ihnen gleichzutun. Ein Rembrandt, ein Rubens und die Niederländer der Reihe nach waren damals sehr vielen ein Greuel, wenn ich auch nicht sagen kann, daß man gerade so weit ging, wie der vor einigen Jahren verstorbene Franzose Ingres, welcher immer, wenn er an einem Rubens vorbeiging, die Land vor die Augen hielt.

Sonst aber liest man sich wohl Zeit. Wer nicht gerade Bestellungen hatte, laborierte Jahr und Tag an einem Bild herum und schimpfte nebenher über Zopf, französische und belgische Manieriertheit. Auch sprach man damals monatelang von einem Bild, das der^. oder V-angefangen und dessen Antermalung bald fertig sei; oder der Landschaftsmaler N.N. habe eine Luft zu malen begonnen, für welche er den ganzen Sommer lang Studien gemacht habe, und welche sehr bedeutend zu werden verspreche.

Gewöhnlich wurde nur vormittags gearbeitet; nachmittags begab man sich nach der Menterschwaige, wo zeitweise herrlichste Feste stattfanden, von denen man sich kaum mehr einen Begriff macht. Wenn ich von diesen Dingen spreche, die mir, soweit ich dabei war, noch alle genau in der Erinnerung sind, geschieht dies nur, um jene Zeit zu charakterisieren.

So gehörte auch zum guten Ton, dast man sich im Sommer aus Frauen-Chiemsee, einem ganz merkwürdigen Sammelplatz von Künstlern, namentlich von Landschasts- und Genremalern, oder doch in Prien und schliestlich im Gebirge aufhielt. Frauen- Chiemsee war der Glanz- und Brennpunkt für alle die, welche es machen konnten. Wenn ich in der Glanzperiode niemals dort war, so unterblieb dies nur, weil ich nicht konnte. Ich sah von all den schönen Festen hier, auf der Menterschwaige und aus Frauen-Chiemsee ziemlich gar nichts. Nur den Maifesten, die hier in früheren Zeiten so schön waren, und mit welchen unsere Künstlergesellschast „Neuengland" eigentlich den Anfang machte, konnte ich beiwohnen.

Am 1. Mai 1841 zogen wir das erstemal mit siatternder Fahne, auf welcher ein Aar gemalt war, am frühen Morgen aus und zwar nach Blutenburg. Ein herrlicher Ausflug, so den ganzen Tag in Luft und Sonnenschein bei einer Fröhlichkeit, die man heute kaum mehr kennt. Dazu trug allerdings viel bei, dast einer unserer Freunde, ein junger Jurist, und andere poetisch angelegte Naturen alles aufboten, um dem Feste Glanz zu verleihen.

Besonders waren Fentschs Maipredigten, die er unter dem Pseudonym Frater Lilarius jeweils drucken liest, geradezu klassisch. Gewöhnlich brachten die jung Verheirateten ihre Frauen, Väschen und Schwestern mit. Da war fröhliche Musik und Gesang. Diese Tage gehörten zu den schönsten des Jahres...

Damals wurde auch dem Professor Leinrich Lest, nachdem er mit Ausschmückung der Allerheiligenkirche fertig geworden, ein großes Fest im „Frohsinn" gegeben, zu dem unsere Gesellschaft eingeladen war. Allein ich bewahre nur noch sehr wenige Erinnerungen an dasselbe, nur fiel mir dabei auf, dast schon bald nach Beginn des Nachtessens oben am Tisch die Champagnerflaschen knallten. Einer aus der Gesellschaft erklärte uns, dast es, wenn Cornelius dabei sei, immer so gehalten werde, weil er keinen andern Wein trinken wolle. Kaum war das Mahl zu Ende, Hub der Gesang an, indem Cornelius das Lied „Prinz Eugen, der edle Nitter" anstimmte.

 

Von seiner Tischrede ist mir wenigstens noch der Schluß erinnerlich, wo er sagte: 

„Die Kunst hab' ich geliebet.
Die Kunst hab' ich geübet
Mein Leben lang;
Die Künste stets verachtet.
Nach Wahrheit nur getrachtet,
Drum wird mir auch nicht bang."

Großer Jubel mit Trompetengeschmetter folgte hierauf und erfüllte den herrlich geschmückten Saal...

Wenn wir Alten an jene Zeiten zurückdenken, so fällt uns im Vergleich zu jetzt besonders das schöne Zusammenleben von jung und alt auf. Die Verehrung für die mit uns lebenden älteren Künstler, unsere Meister, war eine aufrichtige und pietätvolle. Man erkannte das, was sie Gutes gemacht hatten, und freute sich dessen, obwohl man damals so gut wie heute wußte, daß früher andere da waren, die es noch besser konnten. Man verzieh ihnen, wenn sie irr ihrem Eifer, sich aus schlimmer Zeit herauszuarbeiten, noch nicht ganz die rechten Wege einschlugen, indem man eben diese Versuche, die Kunst aus dem Verfall emporzuheben, hochachtete.

Die Künstlerkolonie aufFrauen-Chiemsee hatten imJahre1828MaxHaushofer,derLandschaftsmaler, die Brüder Boshart und Franz Trautmann gegründet; sie blieb bis um die Jahrhundertwende in Flor.

Blutenburg, ein Dorf bei München, an der Würm gelegen, mit einem aus dem 15. Jahrhundert stammenden, ehemals herzoglichen Schloß. An der Kapelle sind die berühmten gotischen Skulpturen.

Der junge Jurist war Eduard Fentsch, später Regierungsdirektor, eine im öffentlichen Leben München seit etwa 1840 vielgenannte, besonders in Künstlerkreisen beliebte Persönlichkeit. Seine Maipredigt aus dem Jahre 1858 folgt in einem späteren Abschnitt. — Die Gesellschaft „Frohsinn", welche Bälle, Konzerte, theattalische Unterhaltungen usw. gab, gehörte neben „Museum", „Bürgerverein" und den Künstlergesellschaften zu denangesehensten, das gesellige Leben beherrschenden Vereinigungen Münchens.