Die Sonntagskinder
Geselligkeit im Lause Wilhelm Kaulbachs
Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 231)
Der Sonntagabend war Ende der vierziger Jahre im Kaulbachschen Lause der Geselligkeit gewidmet. Eine große Zahl von Freunden sand sich regelmäßig ein, und mit ernsten und heiteren Gesprächen, mit Musik und Dichtkunst und interessanten Vorträgen aller Art verflossen die Stunden rasch. Die Bewirtung war dabei die denkbar einfachste: es gab jedesmal Kalbsbraten mit Kartoffelsalat, allerdings beides von der Mutter mit besonderem Verständnis und so vortrefflich zubereitet, daß heute noch der „Kaulbachsche Kalbsbraten" eine traditionelle Berühmtheit genießt. Nach und nach hatte sich ein Grundstock von Intimen gebildet, die sich den Namen „Die Sonntagskinder" beilegten. Am diesen Kreis kristallisierte sich, was von Fremden zu längerem oder kürzerem Aufenthalt in München war, und es wird wohl keinen Namen von Bedeutung geben, dessen Träger nicht wenigstens vorübergehend der Gast des Lauses gewesen ist. Es existiert noch in unserer Familie ein reichverziertes Album, welches die „dankbaren Sonntagskinder" der Mutter geschenkt hatten. Das Widmungsgedicht ist von Ernst Förster, dem bekannten Kunsthistoriker, illustriert von E. Neureuther, dem berühmten Illustrator. Die Blätter des Buches enthielten Beiträge aller Art von den Malern Nottmann, Teichlein, Dürck (meinem späteren Schwiegervater), Asher und Dietz, von den Musikern Franz Lachner, Speidel, Goltermann, von Franz Liszt, der FürstinWittgenstein, vonGeibel, Liebig, GrafPoeci,Lasaulx, von Perfall, dem späteren Intendanten, vonBluntschli,dem bekanntenNationalökonomen, und vielen anderen mehr.
Im Jahre 1846 war auch die berühmte Sängerin Jenny Lind, die in München an der Oper austrat, während dieser Wochen in unserem elterlichen Lause Gast. Die Sängerin wollte nicht in einem Lotel, sondern in einer Familie ausgenommen sein; dies hatte der Direktor des Konservatoriums, C. Lauser, an einem Sonntage im Kaulbachschen Lause erzählt, und der Vater, leicht entflammt, hatte ohne weiteres sogleich seine Gastfreundschaft angeboten. So fuhr denn eines schönen Tages der eigens für Jenny Lind gebaute große Neisewagen, mit Koffern und Kisten hochbepackt zum Gartentor herein. Daß hiebei die sorgfältig gepflegten Blumen und die reinlichen Wege verdorben und vertreten wurden, erregte schon gleich den Zorn des Vaters, der sich überhaupt ein ganz anderes Bild von der schwedischen Nachtigall gemacht hatte. Jenny Lind war eine äußerst liebenswürdige, aber ebenso launische und verwöhnte Künstlerin und unterlag noch mehr ihren Stimmungen wie Kaulbach. Die Mutter mag da wohl manche fatale Stunde durchkostet haben, denn beideKünstler bewegten sich in Gegensätzen: war der eine verstimmt, so war der andere guter Laune; hatte der eine Lust, allein zu sein, so wollte der andere Menschen um sich sehen. Der Löhepunkt dieser Extreme war aber an dem schönen Abend erreicht, als Jenny Lind im „Freischütz" das Annchen sang. Sie hatte während der Vorstellung das Mißgeschick, ihren Schuh zu verlieren; dadurch kam sie aus der Stimmung, dies wirkte wieder auf das Publikum, das Fluidum zwischen Bühne und Lörern war fort, und der erwartete Erfolg blieb aus. Zu Lause aber hatte die Mutter eine große Gesellschaft geladen, und alles war gespannt, die berühmte Sängerin von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Wer aber nicht zum Vorschein kam — war Jenny Lind. Sie hatte sich in ihr Zimmer eingeschlossen und hörte auf kein Rufen und Pochen. Der Vater, ärgerlich über diese Nücksichtslosigkeit, schloß sich ebenfalls ein und überließ die erstaunten Gäste der Mutter, die sich am andern Morgen ein Vergnügen daraus machte, den beiden zu berichten, wie gelungen und heiter der Abend verlausen sei. Aus „Erinnerungen an Kaulbach und sein Laus", niedergeschrieben und herausgegeben von Kaulbachs Tochter Josepha Dürck.
Ernst Förster (1800—1885), ursprünglich Historienmaler, wandte sich später dem Schrifttum zu und war der begeisterte Herold der Cornelius, Kaulbach, Schwind und ihrer Richtung.
Eugen Napoleon Neureuther (1806—1882), Maler und Radierer, Vorstand der Porzellanmanufaktur, war ein an ornamentalen Einfällen reiches, auf liebenswerteste Poesie gestelltes Talent.
Jenny Lind (1820—1887) aus Stockholm, lebte seit 1844 als gefeierte dramatische Sängerin in Deutschland auf Gastspielreisen, die sich zu wahren Triumphzügen steigerten.