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Bei Görres und Schelling

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 232)

Fernau-Daxenberger schreibt im „Münchner Lundert und Eins" von 1840:

Das kleine Laus des Görres ist in einem sorgsam gepflegten und, wie es scheint, von den Bewohnern geliebten Gärtchen an der Schönfeldstraße fast gegenüber dem Kriegsministerium gelegen. Lier schrieb der Mann des „Rheinischen Merkur" und „Deutschland und die Revolution" seinen donnerrollenden „Athanasius." So ziemlich allgemein wird der sünfundsechzigjährige Verfasser der „Mystik" als das Laupt der ultramontanen wissenschaftlichen Partei betrachtet und, wie von seinen Gegnern maßlos angefeindet, so wird er von diesen seinen Verehrern enthusiastisch angestaunt.

Solange Görres in München ist (seit 1827), empfängt er jeden Sonntagabend regelmäßig einen kleinen Kreis vertrauter Freunde, größtenteils Kollegen an der Universität, als Philipps, Döllinger, von Ringseis, Moy, Arndts, El. Brentano, Löfler nebst einigen Geistlichen. Auch sein Sohn Guido, seine Gattin, Tochter und mehrere liebenswürdige Frauen sind zugegen. Sehr häufig findet man hier Fremde von Auszeichnung, Künstler und Gelehrte von verschiedenen Färbungen der politischen und kirchlichen Meinung und der religiösen Empfindung. Der Abend wird beim Tee in ernsten und heiteren Gesprächen zugebracht; Görres entwickelt im Amgange ein ungewöhnliches Wissen und eine geprüfte, vielbewegte Lebenserfahrung. Seine Sprache zeigt an ihm, ohne daß er Verse gemacht hätte, einen der poetischen Geister der Neuzeit und ist in der Tat zu bilderhast, um allen völlig zum Bewußtsein zu dringen. Nach dem Tee begibt sich die Gesellschaft — auch die anwesenden Fremden werden mit großer Liberalität dazu eingeladen — in das Speisezimmer, um an dem Abendessen teilzunehmen. Es herrscht kein fühlbarer Zwang, und treuherzig spricht sich der Charakter des alten Professors aus, der im Kreise seiner Familie und seiner viel jüngeren Kollegen wie ein Patriarch erscheint. Dies ist ein Bild von Görres, wie er zu Lause, nicht wie er auf dem Katheder oder im öffentlichen Leben und Wirken erscheint. Wen Interesse zu dem Manne hinzieht, der kann ihn öfter mit ernstem Aussehen in seinem Lausgärtchen auf und ab wandeln sehen.

Auch Schelling empfängt am liebsten des Sonntags; dort findet sich mehr, wenn auch nicht ausschließlich, protestantische Gesellschaft und vornehme Welt ein. Kaum geht ein Fremder von Namen und Nus durch, ohne den großen, berühmten Mann gesehen zu haben, der anspruchslos, aber voll edler Laltung im äußeren Benehmen, stets ruhig, tief, klar und verständig in allen seinen Bemerkungen ist. Thiersch hat unter allen hiesigen Gelehrten von höherer Bedeutsamkeit am meisten das, was man 111318011 ouverte nennt; er selbst erhält mit beredtem Geiste das Gespräch immer lebendig und nimmt großen Anteil an den Fragen des Tages und der Politik. Lerr von Martius, der Chemiker Vogel und die Gebrüder Boisseree empfangen gleichfalls interessante Besuche und heißen Fremde mit Gastlichkeit willkommen. Lier ist insbesondere die Kunst, dort die Naturwissenschaft und Neisebeschreibung geistreich und anmutig vertreten, und wer diese gelehrten Abendzirkel besucht, darf sicher annehmen, mit den ersten Zelebritäten der Wissenschaft in Europa nach und nach bekannt zu werden.

Carl Friedrich Philipp von Martius (1794—1868), Botaniker und Naturforscher, seit 1820 Konservator des Botanischen Gartens, seit 1826 Universitätsprofefsor in München.

Sulpiz Boisseree (1783—1854) und Melchior Boisseree (1786—1841), beide um die Kunstwissenschaft sehr verdient, verkauften im Jahre 1827 ihre etwa 200 Werke zählende Sammlung altdeutscher und altniederländischer Gemälde an König Ludwig, der sie später der Pinakothek einverleibte. Beide Brüder lebten, ersterer als Oberbaurat und Generalkonservator der Kunstdenkmäler Bayerns, seit 1827 in München.