Sonntag in der Biedermeierzeit
Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 236)
Morgen im Englischen Garten
Der Englische Garten wird eigentlich viel zu wenig von den Münchnew gewürdigt. Die vowehme Welt sährt und reitet darin spazieren, der echte Münchner benützt ihn aber nicht an und für sich, sondem nur als Durchgang zu den in seiner Nähe liegenden Orten Neuberghausen, Föhring, Brunntal, Schwabing usw., wo gutes Bier ist. Der Sonntagmorgen aber hat in den schönen Sommermonaten sein eigenes Publikum; da sieht man ihn von der Morgenröte an bis gegen sieben Ahr von einer Menge junger und zum größten Teil hübscher Mädchen der dienenden Klasse belebt, welche diese wenigen Stunden, wo sie zu Lause abkommen können, benützen, um mit dem Gegenstand ihrer Verehrung einen Kaffee am chinesischen Turm zu trinken und ein trauliches Wort zu kosen. Es ist interessant, wenn man gegen acht Ahr früh dahin kommt und allen diesen zurückkehrenden einzelnen Liebespaaren begegnet, welche dann eilen, um zu Lause nicht den Dienst bei der gestrengen Lerrschaft zu versäumen.
Mittag in den Arkaden
Der Gottesdienst ist beendet, und alles strömt nach 11 Ahr dem Losgarten zu; die Damen in feiertäglichem Gewände machen ihre Promenade in den herrlichen Arkaden. Scharen von Elegants stehen am Cafe vonTambosi und lassen diese vorüberschwebenden, reizenden Erscheinungen eine scharfe Kritik passieren; die Wachtparade kommt mit dem klingenden Spiele und herrlicher Musik vorbei, und dann wird nach dem Kunstverein am Ende des Bazars gewandert, an diesem Tage weniger der Kunst als der schönen Damen wegen. Denn das Gedränge ist dort so groß, daß man wirklich die an jedem Sonntag neu ausgestellten Schätze der Kunst kaum zu sehen bekommt, vielweniger aber sie mit Muße betrachten kann; indes — es gehört zur Mode!
Der Nachmittag
An diesem sind die Straßen wie ausgestorben. Alles ist nach den Amgebungen hin gezogen; man macht kleinere oder größere Partien zu Fuß, zu Wagen oder auf der Eisenbahn nach den verschiedenen Orten. Mit der sinkenden Sonne wird München erst wieder belebt; man eilt dann dem Theater oder seiner geschlossenen Gesellschaft zu.
Felix von Schiller in seinem Büchlein über München vom Jahre 1843.