Franz von Pocci
Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 253)
Jahrzehntelang war Graf Franz von Pocci ein Herrscher im gesellschaftlichen und geselligen Leben Münchens, das ihm eine seiner köstlichsten „Spezialitäten", sein bis in unsere Zeit herein lebendiggebliebenes, von dem Aktuar Joseph Schmid, dem „Papa Schmid", zur Löhe geführtes Marionettentheater, verdankt. Pocci wurde 1807 in München geboren, wuchs mit Schwanthaler auf und gehörte, zusammen mit seinem Freunde Guido Görres, dem Kreise der Münchner Romantiker an. Schon in jungen Jahren (1830) wurde er von Ludwig dem Ersten als Zeremonienmeister berufen, später war der liebenswürdige Kavalier und Dilettant (das Wort im Goetheschen Sinne gebraucht) Intendant der Lofmusik. Er starb als Oberstkämmerer am 7. Mai 1876. Das „Frankfurter Konversationsblatt", widmete ihm 1838 nachstehende Würdigung:
Graf Pocci, der junge Zeremonienmeister des bayerischen Königshauses, ist eine der interessantesten Erscheinungen am Lose, wie der liebenswürdigsten in der höheren Gesellschaft. Vom Vater her noch Italiener, hat er sich doch ganz dem deutschen Volke zugewandt und dessen Interessen, Freuden und Leiden an sein Lerz gelegt, was ihn als Menschen schon achtenswert, als Lofmann aber bewunderungswürdig macht. In der Nähe eines Königs wie Ludwig muß alles Kunst atmen, alles von der allgemeinen Flamme mitergriffen werden, und so ist denn auch der junge Graf Dichter, Zeichner und Tonseher. Fast sabelhast klingt es, daß er, vermöge seiner Lebensrichtung den höheren Ständen zugewandt und vermöge seiner Stellung im Taumel der Loffeste bewegt, mit seinen Dichtungen zu den niederen Volksklassen
hinabsteigt und sich dort der Jugend und deren Budung zuwendet. Demnach gibt der Graf mit dem jüngeren Görres den sogenannten Festkalender heraus, eine periodische Schrift, die fromme Lieder, oft auch geistliche, in bunter Folge mit Balladen und Romanzen, Bildern und Musikalien enthält und durch Ausstattung wie Gehalt für die Jugend und den Mittelstand bestimmt ist. Pocci bewährt sich geistreich in jeder seiner Gaben zu diesem Werke, vorzüglich in jenen, die er als Dichter spendet. Frömmigkeit und Treue, Limmel und Vaterland sollen einem Dichter vor allem vorschweben, und sie sind auch das Ziel des Grafen in einer Zeit, wo es schon so selten wird, überhaupt ein Ziel zu haben.
Von dem Pocci der späteren Zeit weiß Hyazinth Lolland (1827—1918), einer der viel erlebte und als Letzter aus Münchens großen Tagen bis in die Gegenwart hereinreichte, in seinen „Lebens erinnerungen eines neunzigjährigen Altmünchners" (niedergeschrieben von Or. A. Dreyer) allerlei charakteristische Züge zu erzählen:
Den Grafen Pocci sah ich zum ersten Male beim Künstlerfest im Odeon 1853. In der Garderobe herrschte ein fürchterliches Gedränge. Dabei wurde ich an einen langen, hageren Mann hingedrückt, der eine rotblonde Dame am Arme führte: es war Pocci. Im November 1854, als ich schon bei Arco war, kam Schlotthauer und erzählte, er fei zu einer Vorlesung des „Gevatter Tod" bei Pocci eingeladen und dürfe noch jemand mitbringen. Dazu habe er mich auserlesen. Meine große Freude hierüber verhehlte ich Schlotthauer nicht. Pocci war mir ein lieber Freund in meiner Jugend geworden, und den von ihm herausgegebenen „Festkalender", die erste deutsche illustrierte Jugendzeitschrift, hatte ich voll glühender Begeisterung gelesen und fast auswendig gelernt.
Voll Spannung betrat ich mit Schlotthauer Poccis prächtig eingerichtetes Stübchen und harrte des Vortrags. Pocci las nicht gut und nicht schön vor, erzielte aber trotzdem einen ungeheuren Eindruck bei den Zuhörern. Die Vorlesung dauerte anderthalb Stunden.
Im Fasching 1855 führte Pocci ein Kasperlstück im Palais Arco auf, und zwar in meinem Zimmer. Ringseis, Lasaulx und andere Vertreter des geistigen München jener Zeit wohnten der Vorstellung bei. An den Flügeltüren hingen große Lampen, die das Theater und das Publikum beleuchteten. Der Raum war sehr günstig. Pocci las einen Prolog mit allerlei harmlosen Bosheiten aus Ringseis. Die Satire begann mit den Worten: „Locherlauchtes Publikum mit und ohne Autorität." Pocci selbst, sein Sohn Friedel und ich waren die Spielenden. Allein er las so schnell, daß wir beide, Friedel und ich, kaum folgen konnten und ganz außer Atem kamen. An diesem Abend war er in keiner guten Stimmung. Vielleicht hatte ihn die kühle Ausnahme seines Prologs verschnupft. Das Spiel wurde nur so abgehaspelt, und kaum war es beendet, so nahm er seinen Lut und lief davon...
Pocci pstegte Zeichnungen, die er rasch entworfen hatte, die ihm aber dann nicht gefielen, in den Papierkorb zu werfen. Sooft ich ihn besuchte, durfte ich mir solche Zeichnungen herausnehmen. Aus diese Weise brachte ich ein schönes Album zusammen. Ein Düsseldorfer Verleger, der dasselbe gesehen hatte, bot mir zweihundert Gulden dafür, doch ich lehnte ab. Pocci erfuhr tnes durch die Isabell (Braun). Sogleich lief er in meine Wohnung am Jsartor und rief mir schon von weitem entgegen: „Sie sind doch ein rechter Esel, daß Sie die Sachen um zweihundert Gulden nicht hergegeben haben! Dafür hätten Sie die schönste Rheinreise machen können." Bei dem Worte „Esel" umarmte er mich gerührt.
Einmal besuchte mich Pocci und meinte: „Ich möchte wieder eine Burg zeichnen." In Landshut hatte er nämlich eine schöne Ansicht der Burg Trausnitz gezeichnet, so groß wie eine Türfüllung. Diese Zeichnung hing immer in seinem Zimmer. Zur Jubelfeier der Universität stiftete er sie nach Landshut. Nun beauftragte er mich einen großen Karton auf ein Reißbrett zu spannen; denn er wollte wieder etwas Umfängliches zeichnen. Ich legte einen 5 Schuh hohen, 2% Schuh breiten Karton bereit. „Infam, infam", sagte Pocci, dann fing er zu zeichnen an, zuerst mit dem Bleistift, dann, weil's ihm zu langsam ging, mit Kohle, hierauf mit der Feder, und zuletzt begann er gar zu malen. Das Ding flog nur so hin aufs Papier; alles wurde durcheinander gewurstelt. Nach einer Stunde sagte er: „Jetzt mag ich nimmer" und ging fort. Am anderen Morgen arbeitete er wieder daran, auch nicht lange, und so noch an ein paar folgenden Tagen, im ganzen etwa acht Stunden. Da stand eine Burg in großen Amrissen da. Aus Scherz nannte er sie die „Biberegg". Zum Spaß erzählte er mir auch die Geschichte dieser Burg, und zwar, wie mir dünkt, „sinnberückend". Die Burg liegt in der Schweiz und ist schon sehr alt. König Dagobert baute einen Turm. Die Burg erhebt sich auf einem Berge. Eine Zugbrücke führt dahin, unten ruht ein kleiner See. Die Burgherren waren eine Zeitlang Raubritter. (Dies drückte er auch in der Staffage der Zeichnung aus.) Die Familre, die sie jetzt bewohnt, ist etwas „muffig" geworden, ist heruntergekommen.
Poeci zeigte das Bild auch seiner Tochter, die bei dieser Gelegenheit zum ersten Male meine Wohnung betrat. Sie war eine wunderschöne, ätherische Erscheinung. Wenn sie mit mir sprach, hatte ich große Mühe, meine Fassung zu bewahren. Verliebt in sie war ich niemals, ich bewunderte sie nur. Einmal sagte Schwind zu Pocci: „Wenn deine Tochter aus einem Balle in der Residenz erscheint, so hält man sie sür das Arbild einer Fee."