Achtzehntes Kapitel
Aberglaube
Wo Licht ist, da fehlt auch Schatten nicht. So waren die alten Münchener nicht blos gläubig, sondern auch bis in's Unsägliche abergläubisch.
Daß München so gut wie andere große und kleine Städte seine Hexen- und Zauberprozesse hatte, versteht sich von selbst. Die Hexenprozesse waren daselbst so zahlreich, daß man einen eigenen Hexenthurm einrichtete und 1468 durch eine Galerie mit dem Falkenthurme verband. So mag denn auch hier zweier Hexenprozesse gedacht werden, welche besonderes Aufsehen erregten.
Im ersten, der geführt wurde, waren vier Münchenerinen, darunter drei verwittwete Bürgersfrauen, des fleischlichen Umganges mit dem Teufel angcfchuldiget.
Die Schneiderin Regina Lutz bekannte in Folge der peinlichen Frage auch, sie habe auf dem Gottesacker vor dem Sendlingerthor ein „unschuldiges Rindel, so nicht recht zur Welt geboren worden", ausgegraben und dem Teufel übergeben, der es unter freienr Himmel theilweife gesotten und eine Salbe daraus gemacht, davon er ihr eine Büchse voll zum „Ausfahren" gegeben habe. Den Rest des Rindes habe sic daheim gegessen. Ihr Buhle, der Teufel, habe sich Lustbraust genannt.
Die Melberswittwe Anna Anbacherin ergab sich ebenfalls einen: Teufel Namens Riefle und schenkte ihn: u. A. auch ein Fazeletl (Taschentuch).
Die Regina pollinger ward ihren: Bekenntniß nach die Buhle des Teufels, der sich Ragenörl hieß und die Brigitta Anbacherin, ledigen Standes, hat sich dem Teufel, der sich Fibes genannt und in Gestalt eines bei ihren: Schwager arbeitenden Handwerksgesellen Nachts in ihre Rammer gekommen, ebenfalls mit Leib und Seele ergeben, auch hat sie gleich den Vorgenannten den christlichen Glauben verleugnet.
Auf Grund ihres abgelegten Geständnisses erkannte der damalige Stadtoberrichter Christoph Remhofer zu Vatersheim und Haslbach, daß diese vier vorgenannten Weibspersonen ihrer einbekannten Hexerei und Uebelthaten halber die auf die Zauberei statuirte Strafe des Feuers wohl verdient, in Erwägung aber ihres hohen Alters, auch auf gnädigste Intercession und Fürbitte hoher gefürsteter Personen, sollen alsbald an den gewöhnlichen Ort der Gerichtsstätte geführt und daselbst mit dein Strang von: Leben zum Tode gerichtet werden; doch sollen folgends ihre Rörper verbrannt werden. Und also geschah es auch.
Zehn Jahre später wurden in München sechs Personen, ein gewisser Paul Gamperl, seine Frau und zwei Söhne hingerichtet und die Einzelheiten der gräulichen Execution folgendermaßen in Reime gebracht:
„Als man zolt tausent vnd sechshundert Jahr, Der neun vnd zwanhigst July war, Zu München in der fürstlichen Statt Man sechs Person gerichtet hat, Welche sich da in jhrem Leben, Dem Teuffel da hoben ergeben. Durch jhn groß Zaubcrey getrieben, Darinit viel Menschen auffgerieben. Raben auch erlembt Vieh vnd Leut Viel Lsagel-Metter gemacht die Zeit. Auch habens vmgebracht allein Mehr dann vierhundert Kinder klein. Auch Kirchen-Raub gar viel begangen Diebstal vnd Mord, derb wurdens gefangen, Die ersten zwo Personen zwar Ein Vatter vnd ein Mutter war. Die zwey hatten zween Söhn darbey, Die gaben sich aufs Ianbery. Dergleichen noch zwo Manns-person, Die hat mau auch mit richten than. Erstlich der Frawen schnit man ab Ihre zwo Brüst, Ich vernommen hab, Darmit dem Weib der Züchtiger Dreymal vmbs Maul geschlagen er. Ihre zween Söhn auch solcher Maß Jeder shr an der Seiten saß. Die schlug man mit der Mutter Brüst Jeden dreymal vmbs Maul jhr wißt. Der Mutter vnd der Söhnen deed Jedem man sechs Zwick geben thet. Das ist da vor dem Rathauß geschehen, viel Mann und Weib Hodens gesehen. Nach dem mit einem Rad dermassen lsat man jhr die zween Arm abgestoßen. Darnach mans anff ein Sessel setzt Darauff maus hat verbraudt zuletzt, vnd die andern sünff Manns-person Jedem sechs Zwick hat geben than, vnd darnach jeden mit einem Rabd Beyd Arm abgestoßen hat. Darnach hat man zu diesen Stunden Die vier, jeden an Pfal gebunden. Aber den Vatter, sollt jhr wissen, Denselben that man lebendig spissen. Darnach hat man sic all verbrandt, Nun hört was jeder hat bekandt."
............... „Der Vater hat Junge Ainder mit Zauberey getödt 300, Alte Leyt mit Zauberey erkrummet vnd getödt 50. Zn Aeller gefahren 65, Airchen-Raub begangen 50 (mahl), Mord begangen 44, Nächtlicher weil Vberfall und Plünderung gethan 60, An den Straßen geraubt 5, Diebstal begangen Gebrandt 8. Die Mutter hat auch junge Ainder mit Zauberey getödtet 300, Alte Leut erkrummet vnd getödtet 55, Zn Aeller gefahren 8, Mordt begangen 5, Hagel vnd Schawer gemacht Gebrandt 21, Viehe vnd Wayd verderbt vielmahl. Der ältere Sohn (22 Z. alt) hat junge Ainder mit Zauberey getödt 30, alte Leut erkrummet und getödt 6, Zn Aeller gefahren 12, Airchen-Raub begangen 5, Mord begangen 21, Nächtlicher Weil Vberfall vnd Plünderung gethan 6, An der Straßen geraubt Diebstahl begangen 5, Hagel vnd Schawer gemacht 7, Vieh und Wayd verderbt vielmahl, Sich vnsichtbar gemacht , Gebrandt 51 (mahl)." Der andere Sohn (25 Z. alt) zeigt ein ähnliches Register von Verbrechen, ist aber seinem älteren Bruder in Tödtung junger Ainder noch um 35 voraus und auch die übrigen beiden Angeheuer, von denen aber eine „zum Hagel und Schauer bloß geholffen". Auch haben sie mitsammen Hostien entwendet, den Zuden verkauft, dem Teufel zu Gefallen spöttisch traktirt und in die Schuhe gesteckt oder grimmiglich zerbißen, wobei Paul Gamperl bekannte, „daß durch solche erbitterte Zerbeißung eine Hostie einstmals blutfarb geworden, und er darüber in Abkraft seiner Glieder gefallen."
Zm November desselben Zahres wurden weitere fünf Personen der Bande um gleicher Uebelthaten wegen auf dieselbe Weise hingerichtet. Sie hatten bekannt, über vierhundert Ainds- und zweiundsechzig andere Morde begangen und neununddreißig Personen durch Zauberei umgebracht zu haben.
Die letzte Hexe, welche (am 17. September 1701) in München mit dem Schwerte hingerichtet und deren Aörper verbrannt wurde, war die siebzehnjährige Wachtmeistertochter Theresia Aaiser von Pfaffenhofen an der Zlm. Sie bekannte gütlich und „peinlich", d. h. auf der Folter, ihre Base Elisabeth habe sie schon in ihrem elften Zahre in der Thomasnacht auf das Hochgericht zum Hexentanze mitgenommen. Dort feien ganze Reitereien von Soldaten und viele Herren und Frauen erschienen. Tin schöner Aavalier mit einer großen Allongeperücke habe sie mehrmal gefragt, ob sie das ganze himmlische Heer verleugnen wolle und als sie endlich auf Andringen ihrer Base das bejaht, habe sie mit ihrem Blute in ein ihr von dem Aavalier dargereichtes Buch ihren Namen und ihr Alter einschreiben müssen. Hierauf habe man getanzt, die Tanzenden aber seien nackt gewesen. Später habe sie öfter mit dem Teufel Unzucht getrieben und er sie zu Diebstahl und Mord zu verleiten gesucht.
Am 12. Februar 1611 hatte Herzog, nachmals Rurfürst Maximilian I. von Bayern ein „Landtgebott wider die Aberglauben Zauberey pexerey vnd andere sträffliche Teufelskünste" erlassen, wobei er keinen Unterschied machte, ob die Zauberei „zu einem guten endt, Viech und Leuthen auch den liebseligen Früchten zu Helffen, oder aber zu schaden" getrieben werde, weil „gar glaublich, daß diejenige, welche durch blose Mort vnd Segen oder Rxorcismos vnnd Beschwerungen, so von der Tatholischen Rirchen nit erfunden oder approbiert vnnd gutgeheissen, zu Helffen sich anmassen, die Leuth oder das Viech auch bezaubern könden."
Dieses Landgebot erneuerte Aurfürst Max Zoseph noch am 13. April 1746 mit alleiniger Weglassung des Artikels gegen das Goldmachcn und fünf Jahre später nahm einer der gelehrtesten und erleuchtetsten Röpfe, der bayerische Staatskanzler Wiguläus Freiherr von Rreitmayr, in seinen Triminalcodex Strafen auf Zauberei, Hexerei und Pakte mit dem Teufel auf!
Das erneuerte Landgebot nun bestrafte den, der den Teufel wie Gott anbetete, mit dem Feuertode, und wenn er Menschen, Vieh oder Früchten durch Zauberei Schaden zugefügt, auch noch mit Zwicken mit glühenden Zangen; den, der den Teufel anriefe oder beschwöre, mit dem Tod durch's Schwert und Verbrennen seines Leichnams; Wahrsager, Zauberer und Schwarzkünstler mit dem Schwert. Dieselbe Strafe traf den, der jemanden Liebes- oder Paßtränke eingab, durch Nestelknüpfen Männer oder Frauen unfruchtbar oder krank machte. Wer Zauberer oder Wahrsager um Rath anging, ihnen Glauben oder Beifall schenkte, wurde des Landes verwiesen ic. ic.
Ueberaus zahlreich sind die vom Landgebot angeführten „abergläubischen Rsinst- und Seegen, welche sine pacto expresso (mit dem Teufel) und ohne ausdrückliche Anruffung der bösen Geister geschehen." Da lesen wir von mancherlei Reimsegen zum Schutz von Menschen und Vieh gegen Unglück, von Wettersegen, von Wundsegen, so die Menschen unverwundbar machen, von Waffensegen und Waffensalben, mit denen man auf die größte Entfernung heilen wollte, von Blutstropfen eines am „Schwinden" Leidenden, die in einen Baum gebracht und mit einem hölzernen Zapfen verschlossen, das Schwinden beseitigen, von allerlei Amuletten, von pemden, die hieb- und stichfest machen, weil das Garn dazu von Rindern unter sieben Jahren gesponnen rc. Da erfahren wir auch, daß man die Retten, an denen an den Pochgerichten die Uebelthäter gehangen, gern zu Wehrgefäßen und zu Sporen verwendete, weil sie den: Pieb und Stich Rraft gaben und das stättigste Roß antrieben, daß man glaubte, man könne einem Anderen das Fieber oder eine andere Rrankheit ver- oder abkaufen, daß man zur Zeit herrschender Rrankheiten durch etwas niederlegen oder niedcrwerfen einen Rranken gesund und den Finder krank inachen könne; daß Wunden leichter heilen, wenn man den Gegenstand, womit man sich verwundet, in einen Schmerlaib oder Speck stößt; daß man das am Tharfreitag zum Rüssen der Wundmale in der Rirche auf den Boden gelegte Truzifix mit Giern, Brod, Schmer rc. bestrich und beschmierte, damit diese Dinge das Zahr über nie zu Ende gingen; daß man zu gewissen Jahreszeiten die Bildnisse gewisser Peiliger mit Trommel und Pfeifen auf den Gassen Herumtrug und wenn es nicht schön Wetter ward, in's Wasser warf. Da erfahren wir ferner, daß ein Bad am Weihnacht-Abend oder Faschingtag wider das Fieber und Zahnweh hilft rc. rc.
Wie in ganz Altbayern, so spielten auch in München vordem die zwölf Rauch- oder Loosnächte zwischen dem heil. Thrift- und denr Dreikönigstage eine große Rolle. Auch sie sind eine Erinnerung an die Winter-Sonnenwende und gelten gleich der Thomasnacht dem Volk noch heute als solche, in denen man „eine Frage frei hat an das Schicksal". Die darauf gerichteten, meist geheimnißvollen und selbst schauerlichen Teremonien heißen kurzweg „Lößeln", richtig wohl „Loosen", d. h. sein Loos, sein Schicksal erforschen.
Zn alter Zeit bucken die Münchener Pausfrauen in diesen zwölf Rauchnächten ein eigenes Brod, das „Rauchwecken" genannt wurde und eine geheimnißvolle Rraft besitzen sollte. Auch gab es nur wenige Familien, in denen im Laufe derselben nicht „gelößclt" worden wäre. Dies geschah, indem inan geschmolzenes Blei oder wohl auch ein Li in eine mit Wasser gefüllte Schüssel goß und aus den dabei gewonnenen Figuren sein Schicksal zu erforschen suchte. In denselben Nächten warfen junge und alte Mädchen, auf dem Boden kauernd und den Rücken der Stubenthüre zugckehrt, ihren Schuh über den Aopf. Wies die Spitze des Schuhes nach der Thüre, so verließ dessen Eigenthümerin im Cause des Jahres das Haus als Braut. Dahin gehörte ferner das Holztragen, wobei die Mädchen auf's Gerathewohl einen Arm voll Brennholz aufnahinen und zum Ofen trugen. War die Anzahl der Scheiter eine gerade, so durfte das Mädchen auf Verehelichung hoffen, nicht aber, wenn die Zahl derselben eine ungerade. Mädchen, die unter gewissen Zeremonien in einen Spiegel oder Ziehbrunnen schauten, erblickten dort das Bildniß ihres künftigen Bräutigams rc. Bedenklicher war ein anderes Experiment. Stieg ein Mädchen in der Thomasnacht rückwärts und völlig unbekleidet in ihr Bett, vor dem zwei geweihte Aerzen brannten, und sprach dabei die Worte:
Bettstatt ich tritt dich, Heiliger Sankt Thomas ich bitt dich, Laß mir heut Nacht erschein'» Den herzallerliebsten mein!
so erschien ihr der leibhaftige Gottseibeiuns in der Gestalt ihres künftigen Bräutigams. Andere, frömmeren und zaghafteren Gemüthes, erbaten sich in der Nacht des heiligen Antonius von Padua einen Ehegesponsen, dessen Wahl in dringenden Fällen dem heiligen überlassen blieb. — Der Glaube an das Uhrablaufen war noch ganz frisch. Als im Jahre 1777 Aurfürst Maximilian III. mit Tod abging, seien, so kann man noch heute in München erzählen hören, alle Thurmuhren zu gleicher Zeit abgelaufen. Schlug während des Läutens der Sterbeglocke die Uhr, so mußte an jenem Tage noch Jemand sterben. Behielt ein Verstorbener ein oder beide Augen offen, so starb bald ein Angehöriger seiner Familie. — Aartenschlägerinen trieben unbehelligt ihr Geschäft uild wurden nicht blos von verliebten Mädchen und eifersüchtigen Ehefrauen, sondern auch von Bestohlenen befragt, die den Dieb kennen lernen wollten. Und da die Existenz vön Hexen eine ausgemachte Sache war, so ließ es sich alten Weibern nicht wohl verübeln, wenn sie sich einen Stuhl mit einer Lehne aus neunerlei Holz wünschten. Denn wer bei der Thristmette auf einem solchen saß, der erkannte alle Hexen in der Nachbarschaft als solche. Daß, wer am Morgen Schweinen begegnete, Unglück haben werde, galt für ausgemacht. Aber dasselbe widerfuhr auch dem, der einer Jungfrau begegnete, während das Begegnen einer leichtfertigen Person Glück brachte rc. An den Alp oder die Drude, die Todtcnuhr im Holzwerk, an das Wahrsagen aus der Aaffeetaffe oder dem Siebe, an die beschützende Araft der Amulette und geweihten Aerzen glaubten von hundert Münchenern wohl sechzig oder siebzig.
Und sind nun auch diese und ähnliche abergläubische Gebräuche verschwunden, so hat sich doch noch ein anderer erhalten. Am Tage der heil, drei Aönige, an dem die katholische Airche Wasser, Salz, Areide und Weihrauch weiht, schreibt noch heute mancher Familienvater mit geweihter Areide † C. † M. † B. sammt der Jahreszahl an alle Thüren und räuchert alle Räume mit dem Weihrauch und mit wachholderbeeren, so dem Teufel, den Hexen und bösen Geistern den Eingang wehrend.