Siebzehtes Kapitel
Feste und Lustbarkeiten
Gar viele alte Kirchenfeste waren ursprünglich heidnische Volksfeste. So knüpfte das altdeutsche Heidentum an den Tag, an dem die Sonne am höchsten steht, den Johannistag, die Hauptfeier, welche der Sonne in ihrer Kraft und dem Feuer galt: Man entzündete Feuer, umtanzte es singend in buntem Reigen und sprang darüber, wodurch man sich für das nächste Jahr vor vielen Übeln zu schützen meinte, wie auch ein darin angebrannter Pflock, in ein Feld gesteckt, dieses gegen Hagelschlag schützte.
Auch die Münchener hielten in alter Zeit gar viel auf das Sonnwendfest, das sie auf dem Marktplatze inmitten der Stadt zu feiern pflegten. Und wie damals die Fürsten noch gern an den Lustbarkeiten des Volkes Teil nahmen, so tat das im Jahre 1391 auch der Herzog Stephan der Kneißel, der in Ingolstadt Hof hielt, und sprang, obwohl schon ein bejahrter Herr, mit seiner jungen Gemahlin über das Sonnwendfeuer und umtanzte es mit ihr und ihren Hoffräuleins und den Bürgerinnen der Stadt.
Freilich ward 27 Jahre später ein Befehl erlassen, in der Stadt kein Sonnwendfeuer mehr anzuzünden, und dasselbe nachmals von der Kirche als unchristlich ganz und gar verboten. Wie wenig aber das wirkte, sehen wir aus der Münchener Feuerordnung von 1740, welche noch ernstlichst verbot, „das sogenannte Johannes- oder Sommerwendfeuer in denen Häusern und auf denen Gassen der Stadt anzuzünden.“
Am letzten Faschingstag wanderte, wie Westenrieder erzählt, ein Spiel für die Bauern in der Stadt herum, das hieß der Blassel. Von dem ist weiter keine Kunde auf uns gekommen; daraus aber, dass es am Tage vor einem Pferdemarkt stattfand und, wie der Name anzudeuten scheint, ein Roß dabei die Hauptrolle spielte, dürfte anzunehmen sein, dass dasselbe mit dem alten Dienste des Wuotan zusammenhing, dem das Roß heilig war.
Pfingsten brachte den Umritt der „Pfingstlümmel“. Am Pfingstmontage kamen aus den benachbarten Dörfern junge Bauernburschen zu Fuß und zu Pferd in die Stadt herein und brachten die drei Pfingstlümmel mit. Es waren das drei von ihren Kameraden, gar wunderlich in Stroh und Laubwerk vermummt und hoch zu Roß. Das Pferd des einen zog ein Wagenrad hinter sich drein, das herumlaufend nachschleifte. Auf dem Rad aber waren zwei Puppen, eine männliche und eine weibliche, festgemacht, die sich über die Achse hinüber die Hände reichten und bei der Bewegung des Rades im Kreise drehten. Sie hießen Hansl und Gretl. Die Anführer des Trupps hielten vor verschiedenen Häusern und sagten einen gereimten Spruch, nach dessen Schluss alle zusammenjauchzten. Leider ist der Spruch verloren gegangen. Das Paar auf dem Wagenrad und der Umstand, dass Lümmel soviel als Stier bedeutet, scheint auf ein altes Opferfest um Fruchtbarkeit des Ehelebens hinzudeuten. Wahrscheinlich fiel der Opferstier später bei dem Umzug weg, wie erst jüngst der, welcher in Marseille die Fronleichnams-Prozession eröffnete.
Von den Festlichkeiten der Handwerkszünfte mögen zunächst die sogenannten Dinzel- oder Tänzeltage genannt sein, an denen die Zunftgenossen, mit ihrem Feiertagsgewande angetan, in festlichem Zuge, einige Musikanten voraus, bisweilen auch unter Trommelschlag, zur Kirche und von da nach der Herberge zu feierlichem Mahl und fröhlichem Tanze zogen. Dabei trug der Altgeselle die Zunftlade, ein anderer Geselle den „Willkomm“ oder „Gesegn' Gott“, d. h. einen weingefüllten Becher, den er jedem des Weges kommenden Bekannten zum Trunk reichte. Dabei waren alle Teilnehmer mit frischen Rosmarinzweigen versehen, wie denn der Rosmarin bei fast allen festlichen oder feierlichen Vorgängen eine Rolle spielte. So trugen die Bräute vordem nicht wie jetzt Myrthen im Haar, sondern Rosmarin, eine Übung, die sich auf dem Lande noch heut erhalten hat, und Rosmarinzweige trugen die Brautpaare und Hochzeitsgäste so gut wie die Leidtragenden bei Begräbnissen und Trauergottesdiensten.
Seit undenklicher Zeit ziehen alle sieben Jahre im Fasching die Münchener Fassbinder- oder Schäfflergesellen in roten Jacken, schwarzsamtenen kurzen Beinkleidern und weißen Strümpfen, mit Buchs umwundenen Bögen in der Hand, unter dem Vorantritt eines Musikkorps und zweier Hanswursten durch die Straßen der Stadt, umschwärmt von der lieben Jugend und gefolgt von hundert Müßigen. Es gibt ein schmuckes Bild, wenn sie vor dem Hause irgend eines Gönners oder einer fürstlichen Person in weitem Kreis antreten und in zierlich verschlungenen Figuren einherschreiten und dann ihr gewandter Reifschwinger, auf einem Fasse stehend, seine Kunststücke produziert. Hört man dann bisweilen aus dem Kreise eine kreischende Frauenstimme, so hat das nichts Schlimmes zu bedeuten: Es hat sich nur einer der beiden Hanswurste aus den Reihen der Zuschauer ein hübsches Mädchen herausgeholt und wirbelt mit ihr im Walzer durch Schnee oder Kot, nicht ohne ihr zum Schluss noch einen herzhaften Kuss zu rauben, der wohl auch eine schwarze Spur zurücklässt, denn die Hanswurste pflegen sich mit Kienruß tüchtige Schnurrbärte unter die Nase zu malen.
Ähnliche Gebräuche waren in alter Zeit in vielen deutschen Städten üblich. In Frankfurt a. M. tanzten die Küfner alljährlich auf dem zugefrorenen Main, in Salzburg hielten die Schäffler gleichwie die Münchener ihren Reifentanz nur alle sieben Jahre, und die Braunauer Messer- und Waffenschmiede kamen alle acht Jahre nach München und führten daselbst vor den angesehensten Häusern einen figürlichen Tanz mit blanken Schwertern auf, bis die Polizei zu Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts diesen alten Brauch trotz kaiserlichem Privilegium abschaffte. Und ihre Zunftgenossen in München hatten mit denen in Wien, Heidelberg und Basel das Recht, alle in ihrem Handwerk vorkommenden Streitigkeiten innerhalb des ganzen deutschen Reiches endgültig zu entscheiden. Den Nürnberger Messerschmieden und Metzgern aber verlieh Kaiser Karl IV. 1349 das Privilegium des Schönbartlaufens.
Besondere Übung und Gewandtheit erfordert das Reifschwingen, wobei drei volle Weingläser auf die Innenfläche eines hölzernen Reifens frei hingesetzt werden, deren Inhalt nicht verschüttet werden darf, obwohl der Reifen mit der größten Geschwindigkeit über den Kopf und zwischen den Beinen hindurch geschwungen wird.
Bis zum Jahre 1802 befand sich beim Schäfflertanze noch die „Gretel in der Butten“, nämlich ein Lustigmacher, die vier Assen der deutschen Spielkarte auf seinem vierfach aufgeschlagenen Hut aufgesteckt. Derselbe wurde von einem ausgestopften alten Weibe scheinbar in einer Butte auf dem Rücken getragen, während er es war, der Butte und Weib trug. Als echter Hanswurst hielt er auch eine lange Wurst in der Hand und neckte das umstehende Volk damit. Und Trommel und Pfeifen begleiteten die Worte:
Gretel in der Butten Wie viel gibst denn Oa (Eier)? „Um an Batzen achte Und um an Kreuzer zwoa.“ Und gibst du mir net mehra Als um an Kreuzer zwoa, So — i dir in d' Butten Und alle deine Oa.
An solchen Derbheiten stieß man sich damals weniger als heute, und die Buben sangen das Liedlein wohl im Chorus mit. Dann bildeten die Tänzer einen Kreis um den „Hansl“, an dessen Stelle jetzt der Reifenschwinger getreten ist; der warf nach dem Takte der Musik abwechselnd zwei Bälle in die Höhe und fing sie wieder auf, während die Musik die Weise spielte:
Hansl geh fort, Gretl du a, Hansl kimm (komm) wieda, Gretl du a!
Und schließlich begann der kunstreiche große „Achter“-Tanz, wobei die Tanzenden aus ihren Buchsreifen allerlei Gänge und Lauben bildeten. Nach einer alten Überlieferung soll der Schäfflertanz seinen Ursprung einer Pest verdanken, die in München geherrscht. Die aber habe ein Lindwurm über die Stadt gebracht, der in einem Ziehbrunnen an der Ecke der heutigen Theatiner- und Schrammergasse sich niedergelassen. Darin habe man ihn gesehen, als man einen Spiegel darüber gehalten, um zu erforschen, woher die giftigen Dämpfe ihren Grund hätten, die daraus aufstiegen. Als der Drache im Spiegel sein Ebenbild gesehen, sei er darüber umgekommen und habe darauf die Pest nachgelassen. Und als gleichwohl noch immer Türen und Fenster geschlossen geblieben, da hätten sich die Schäffler zusammengetan und seien tanzend und musizierend durch die Stadt gezogen, das Volk zu ermutigen; der Brunnen aber am Wilbrechtsturm habe seitdem der Spiegelbrunnen geheißen.
Fassen wir nun ins Auge, dass Tänze im germanisch-heidnischen Kultus eine große Rolle spielten, wie schon Tacitus des Schwertertanzes nackter Jünglinge, dieser schönen und kühnen Nachahmung einer Schlacht zu Ehren des Kriegsgottes, gedenkt; erinnern wir uns des Schwertertanzes der Braunauer Waffenschmiede, ferner des Schiffes, das im Jahre 1133 die Weber in deutschen Landen von Cornelimünster aus von Stadt zu Stadt zogen und tanzend umgaben und das einstmals das Bild der Göttin getragen, welche die Menschen die Kunst des Webens gelehrt; erinnern wir uns ferner, dass die Bauern an gewissen Tagen selbst in der Frohne tanzen mussten, und gedenken wir endlich noch des Tanzes Davids um die Bundeslade und der noch heute jährlich wiederkehrenden Springprozession zu Echternach, so können wir kaum daran zweifeln, dass auch der Münchener Schäfflertanz auf einen alten Kultusakt zurückführt.
Die oben erwähnte Gretel ist ohne Zweifel die altnordische Todesgöttin Gridh, die in Tirol als Gret Wetter macht und am Lechrain wie an der Eifel als Unholdin gefürchtet ist. Regierte nämlich in uralter Zeit der schwarze Tod oder eine andere Pest, dann holte man das Bildnis der Todesgöttin hervor, trug es im feierlichen Zuge umher und umtanzte es, die zürnende Göttin zu versöhnen. Als aber das Christentum Eingang fand und seine Priester das alte Götterbild verspotteten, suchte das Volk, dem es noch immer ans Herz gewachsen war, es wenigstens im scherzhaften Gewande zu bewahren.
Und so sehen wir in der Sage vom Ursprünge des Schäfflertanzes, zusammengehalten mit der vom Spiegelbrunnen, die ganze nordische Mythe vom Drachen Nidhögger, der die Welt zu zerstören sucht, vom Brunnen Hvergelmir, von der Gridh und der Hölle erhalten, die im Laufe der Zeit zur Butte zusammengeschrumpft ist. Auch die Modifikation, welche die Gretl in die Trägerin des Hanswurst verwandelt, während das Lied sie in die Butte setzt, darf uns nicht irremachen, denn die Darstellung hängt von einzelnen Personen ab, während das Lied im Gedächtnis des ganzen Volkes lebt.
Hat sich der Schäfflertanz noch heut erhalten, so gehört leider der Metzgersprung seit 1878 der Geschichte an. Bis dahin feierten die Metzger Münchens alljährlich am Faschingsmontag ein Fest, der „Metzgersprung“ genannt. So wie er in den letzten Jahrhunderten auftrat, war er eine mit dem Freisprechen der Lehrlinge zu Gesellen verbundene Zunftfeierlichkeit.
Vierzehn Tage vorher versammelten sich die Gesellen und Lehrlinge des ehrsamen Handwerks auf ihrer Herberge zum Kreuzbräu zum sogenannten Büscheltanze und verabredeten mit den Meistern, was in Bezug auf das bevorstehende Fest zu geschehen, wer beim feierlichen Umzuge Kanne und Becher zu tragen habe. Die Auserwählten hießen für diese Zeit „die Hochzeiter“ und hatten Kanne und Becher mit Blumen, Bändern und goldenen und silbernen Schnüren und Quasten zu zieren. Am Festmorgen selber kamen alle Gesellen im Feiertagskleide und einen blauen Mantel — ihren Hauptstaat — darüber und frische Blumen am Hut und im Knopfloch, neuerlich auf der Herberge zusammen. Dann hob man einige Meistersöhnchen in scharlachroten altfränkischen Röcken und Westen, schwarzsamtenen Beinkleidern und grünen Hütchen auf wohlgenährte, mit Blumen und Bändern stattlich herausgeputzte Rosse, für welche die k. Sattelkammer reiche Sammetsättel abgab.
Die Lehrlinge, die den Sprung zu machen hatten, in roten Jacken und weißen Schürzen, schwangen sich auf ihre Pferde und nun ging der Zug zu den „Hochzeitern“, von da zum Altgesellen und darauf zur Peterskirche, woselbst für das Handwerk eine Messe gelesen ward. Die Kannen- und Willkommsträger und der die Freisprechung vornehmende Altgeselle trugen silberbordierte Röcke, ebensolche dreieckige Hüte und Degen. Von der Kirche weg begab sich der Zug in die Residenz, brachte dort die Huldigung des ehrsamen Handwerks dar und kehrte dann auf die Herberge zurück. Mittags erschienen die Lehrlinge, nun vom Fuß bis zum Kopf weiß gekleidet und mit Kälberschwänzen behangen, unter Anführung des Altgesellen am Fischbrunnen. Nachdem sie das Becken des Brunnens erstiegen und dreimal umwandelt, brachte der Altgeselle eine Reihe von Gesundheiten aus und vollzog die Freisprechung mit folgenden Versen:
Altgeselle: Woher kommst du, aus welchem Land? Lehrling: Allhier bin ich gar wohlbekannt. Allhier hab ich das Metzgerhandwerk aufrichtig und redlich gelernt, ebendarum will ich auch ein rechtschaffener Metzgerknecht wer'n. Altgeselle: Ja, ja, allhier hast du das Metzgerhandwerk aufrichtig und redlich gelernt. Sollst auch ein rechtschaffener Metzgerknecht wer'n, du sollst aber getauft wer'n zu dieser Frist, weil du gern Fleisch, Bratwurst und Brätel ißt. Sag mir deinen Namen und Stammen, so will ich dich taufen in Gottes Namen. Lehrling: Mit Namen und Stammen heiß ich N. N. in allen Ehren, das Taufen kann mir niemand wehren. Altgeselle: Nein, nein, das Taufen kann dir niemand wehr'n, aber dein Namen und Stammen muss verändert wer'n; du sollst hinführo heißen Johann Georg Gut, der viel verdient und wenig vertut.
Während des Spruches schlug der Altgeselle die Lehrlinge öfter mit der flachen Hand zwischen die Schultern, um sie daran zu erinnern, dass es im Leben manchen Schlag und Puff absetze. Darauf sprangen die nunmehrigen Gesellen in den Brunnen, warfen Nüsse und Äpfel unter die umstehenden Zuschauer und begossen die darum Balgenden tüchtig mit Wasser. Dann schwangen sie sich neuerlich auf den Brunnenrand und erhielten reine Servietten um den Hals gebunden und von einem der kleinen Meistersöhnchen breite rote Bänder mit Thalern umgehängt.
Auch der Metzgersprung soll einer Pest seinen Ursprung verdanken, während welcher die Metzgergesellen das eingeschüchterte Publikum ermuntern wollten, zählt aber in der Tat zu den Volksgebräuchen, in denen der „Wasservogel“ die Hauptrolle spielt. In alter Zeit führte man bei anhaltender Dürre eine Puppe oder einen barock vermummten Menschen unter mancherlei Zeremonien in feierlichem Aufzuge zu Roß umher, um ihn zum Schlusse tüchtig mit Wasser zu begießen. Das sollte Wuotan und Donnar bewegen, fruchtspendenden Regen zu gewähren. Und mit der Götter Rossen berühren sich die Pferde, auf denen beim Metzgersprung die Knaben der ehrsamen Meister im Umzuge erscheinen, während die angehenden Gesellen in toller Vermummung in den Brunnen springen und Äpfel und Nüsse unter das Volk werfen, hiermit unbewusst auf den Segen des Fruchtgartens anspielend, der dem Himmel gewissermaßen abgerungen wird.
Ein anderer alter Brauch war das Jackelschutzen am Tage Johannis des Täufers. Vom Jackelschutzen ist keine weitere Kenntnis auf uns gekommen, als dass dabei Schmiede- und Schlossergesellen mit einer lebensgroßen Puppe, dem „Schlosserjackel“, in der Stadt herumzogen und sie auf einem Leintuch aus Leibeskräften schlenkten. Dabei sangen sie:
Wir schutzen den Jäckel in die Höh, Dass ihm ’s Weiß' in den Augen vergeh, Eins, zwei, drei. Der Jäckel, der hat a paar große Aug'n, Der taugt uns wohl zum Geldaufklaub'n, Eins etc. etc. Der Jäckel, der hat a große Nas'n, Der taugt uns gut zum Feueranblas'n, Eins etc. etc. Der Jäckel ist gar hoch gebor'n, Hat wenig Hirn und lange Ohr'n, Eins etc. etc.
Der Jäckel scheint nicht sowohl ein Diminutiv von Jakob als eine symbolische Person, ein Sinnbild der Größe und Stärke gewesen zu sein; wenigstens heißt noch heute der größte Hammer unserer Feuerarbeiter „Jackelhammer“ und ein großer Krug ein „Jackelkrug“. Im Übrigen war es auch hier auf ein Geldgeschenk seitens derer abgesehen, vor deren Wohnung der „Jäckel geschützt“ ward.
Die Deutschen, namentlich die Süddeutschen und Österreicher, sollen mit den Pferderennen durch die italienischen Kirchenfeste bekannt geworden sein, bei denen solche üblich waren. Dagegen aber spricht, abgesehen von anderem, dass das erste große Pferderennen zu München am 6. November 1436 veranstaltet wurde, weil Albrecht III. seine zweite Gemahlin Anna von Braunschweig durch ein solches in ihrer Heimat, also in Norddeutschland, übliches Festspiel erfreuen wollte. Zehn Jahre später aber wurden Pferderennen im Interesse der Pferdezucht und zur Förderung der Reitkunst im ganzen Lande angeordnet und von 1448 an fand in München alljährlich während der Jakobidult ein Hauptpferderennen statt. Als Rennbahn diente die Straße vom Neuhauserthor gegen Feldmoching zu, weshalb dieser Weg nächst Oberwiesenfeld noch zu Ende des vorigen Jahres der Rennweg hieß.
War das erste große Pferderennen in München ein Hoffest gewesen, so unternahm im XVI. Jahrhundert der Magistrat der Stadt alljährlich am Sonntag nach hl. Dreikönig zu seinem eigenen Vergnügen eine große Schlittenfahrt, an der außer den Bürgermeistern und Mitgliedern des Rates auch die Patrizier, sämtlich mit ihren Frauen und Töchtern, teilnahmen. Am Abende fand dann in der Trinkstube eine große Mahlzeit statt, zu der die Herzöge das Wildpret lieferten. An diesen Schlittenfahrten schienen die Herzöge, welche sie von der Residenz aus anschauten, viel mehr Gefallen zu finden als der wohlweise Magistrat; vielleicht war es diesem auch unerwünscht, dass der Hof sie als eine ihm dargebrachte Huldigung betrachtete. Kurzum, der Magistrat machte wiederholte Versuche, dieselben einzustellen, während der Hof auf ihrer Abhaltung bestand. Es ward viel hin und her verhandelt und als am 10. Januar 1592 der Magistrat dem Herzog Wilhelm V. kurz und bündig anzeigte, er sei willens, diese Schlittenfahrten ganz einzustellen, befahl er schon am nächsten Tage, sie müsse gehalten werden. Das wäre aber eine Kunst gewesen, denn es lag kein Schnee. Darum protestierte der Magistrat und bat um Aufschub bis zum Fasching und das um so mehr, als die Hausfrauen mehrerer Ratsmitglieder schwangeren Leibes seien und beim Herumfahren im Schlitten auf dem Pflaster leicht Schaden nehmen könnten. Wie die Sache damals ausging, wissen wir nicht.
Im Jahre 1605 aber kam es wegen Unterlassung der Schlittenfahrt wieder zu einer Differenz und Maximilian I. befahl dem Magistrat zu fahren, „ob es schneit oder nicht“. Darauf protestierte der Magistrat wiederum und berief sich darauf, der Herzog habe das herkömmliche Wildpret nicht geschickt und da hätten sie geglaubt, er wolle selber der großen Unkosten halber diese Zusammenkünfte abstellen. Von ihnen habe mancher ebendadurch 100 und mehr Gulden Auslage gehabt, von der Leibes- und Lebensgefahr ganz zu schweigen, die sie durch die Ungeschicklichkeit der im Fahren nicht geübten Führer ausgestanden. Auch sei dermal keine Schlittenbahn und seien etliche Hausfrauen hochschwangeren Leibes, oder krank. Darauf gewährte der Herzog Aufschub. Und in solcher Weise ward noch öfter hin und her geschrieben, bis der Herzog endlich im Jahre 1607 die Fahrt für alle künftigen Zeiten erließ.
Im heutigen München ist die Freude an Faschings-Maskeraden fast ganz verschwunden. Anders war es in München noch vor siebzig Jahren und darüber. Da war der Münchener Fasching fast so berühmt wie der venetianische und das mit Recht, denn der Mummenschanz war nicht wie heutzutage auf die Privatgesellschaften beschränkt, sondern trieb, namentlich in den drei letzten Karnevalstagen, in den Gasthäusern und auf den Straßen und zwar auch bei hellem Tage sein lustiges Spiel, wobei es mitunter selbst an größeren Aufzügen nicht fehlte. Bei aller sonstigen Harmlosigkeit der Münchener schwang bei solcher Gelegenheit Hanswurst nicht selten statt der Peitsche die scharfe Geißel der Satire.
Übrigens fehlte es auf den damaligen Redouten und Akademien weder an charakteristischen Einzelmasken, noch an wohlorganisierten Maskenzügen, wie der des Achilles und Hektor (70 Personen), ein Münchener Jahrmarkt (22 Personen) und die chinesische Sprachmaschine, welche sich im Jahre 1805 auch auf dem Hofballe in der kurfürstlichen Residenz zeigen durften.